Eine schicke Grafik nimmt ihren Lauf

Bereits vor einem Monat erschien in diesem Blog ein kritischer Beitrag zu einer Studie des wirtschaftsfinanzierten IW Köln zu wahrgenommenen Ungleichheiten. Der Tenor: Die Studie hat einen interessanten Punkt, aber ansonsten steht sie auf ziemlich wackeligen Füßen.

Zentrale Kritikpunkte: Es werden Äpfel (krude gemessene Wahrnehmung der „Gesellschaftsform“) mit Birnen (Nachsteuereinkommensdaten auf Umfragebasis) verglichen; es werden Daten zu einer gesellschaftlichen ‚Gesamtpräferenz‘ aggregiert – was immer das dann heißt; es wird eine Studie selektiv zitiert, die – ähnlich wie andere Forschungsbeiträge zu Ungleichheitswahrnehmungen – zu gegenteiligem Ergebnis kommt, nämlich dass Einkommensungleichheit unterschätzt wird; und dann wird unterstellt, die Deutschen hätten „verzerrte Umverteilungspräferenzen“, ganz so als ob es ‚wahre Präferenzen‘ gäbe, die sich etwa in der Einkommensstatistik versteckt hielten und die nun endlich vom IW Köln hervorgezerrt wurden.

Die FAZ hatte die Studie exklusiv vorliegen und machte in ihrem Wirtschaftsteil eine große Geschichte daraus. Überschrift: „Die Deutschen fühlen sich gerne schlecht“.

Eine Nebenbemerkung in meinem damaligen Blogartikel:

Gemessen an der Vielzahl von Einschränkungen wäre es in jedem Fall angesagt das Ganze ausgewogener zu formulieren, statt kühne politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Doch das IW Köln hat keine Kosten und Mühe gescheut und gleich eine schicke interaktive Grafik erstellt, in der man sich der Botschaft vergewissern kann.

Diese Investition scheint sich gelohnt zu haben: denn nicht nur hat in der Zwischenzeit stern.de und die NZZ berichtet, und der österreichische Standard die Geschichte gleich mit den entsprechenden Österreichischen Daten übernommen.

Die Botschaft kommt an… Überschriften von Berichten zu der IW Studie:

Die Deutschen fühlen sich gerne schlecht (FAZ, 21. Juli 2014)
Ein Land fühlt sich arm (stern.de, 21. Juli 2014)
Eine Bevölkerung leidet unter Wahrnehmungsstörungen (NZZ, 23. Juli 2014)
Österreicher fühlen sich ärmer, als sie sind (Der Standard, 25. Juli 2014)

Auch die global viel beachtete Financial Times, namentlich ihr Berlin-Korrespondent, rollte vor zwei Tagen die ganze Geschichte noch einmal samt großer Grafik auf, kurz bevor die Studienautorin auf der Lindauer Tagung der Nobelpreisträger ihre Ergebnisse vorstellt.

Und auch die sogenannten „Datajournalists“ haben ihre Freude an der animierten Grafik und twittern fleißig:

Und so nimmt die Botschaft ihren Lauf.

Und weil man sie so schön einbinden kann, soll sie auch in diesem Blog nicht fehlen:


Hier geht es zur Kritik der IW Studie, auf der die Grafik basiert.

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