Hinweis: Stiglitz über Ungleichheit und Kapitalismus

Auf der – nicht unumstrittenen – Lindauer Tagung für „Wirtschaftsnobelpreisträger“ hat Joseph Stiglitz – einer der Auserkorenen – grundsätzliche Kritik am gegenwärtigen Kapitalismus geäußert. Nicht zuletzt die Lektüre von Thomas Pikettys Buch hätte ihm dies deutlich gemacht:

When I was growing up, I did not realize that this was the best capitalism ever got.
Joseph Stiglitz, 21.8.2014

Er stellt fest dass trotz steigender Produktivität und steigender Vermögenswerte die Realität für viele Bürger – insbesondere, aber nicht nur, in den USA – die Stagnation von Einkommen sei.

Trickle down economics is not working. (…) Any economic system that does not deliver for very large groups in the population, that does not deliver to a majority of citizens, is an economic system that is failing. And certainly capitalism in America – and this is true in many other countries – is in these terms failing.
Joseph Stiglitz, 21.8.2014

Innerhalb, aber auch „beyond the boundaries of economics“

In seiner teilweise eher für ein Fachpublikum ausgerichteten Rede geht er auf einige Fragen im Zusammenhang von Ungleichheit ein und bezieht sich dabei insbesondere auf Thomas Piketty.

  • Ganz Ökonom geht der Frage nach, ob es ein „Gleichgewicht“ der Vermögensverteilung geben könne, und wie unterschiedliche Modelle unterschiedliche Ergebnisse prognostizieren würden.
  • Insbesondere stellt er die Bedeutung höherer Sparquoten bei Reichen für die langfristige Vermögensverteilung heraus – ein Punkt, den Piketty implizit vorauszusetzen scheint (vgl. auch den Beitrag von Till van Treeck in diesem Blog)
  • Er betont jedoch auch dass es einen wichtigen Zusammenhang zwischen ‚Ökonomie‘ und ‚Politik‘ gebe und Regeln nicht nur die Effizienz von Märkten beeinflussten, sondern auch die Verteilung:

The most important aspect of this is to try and go beyond the boundaries of economics and to realize that economic inequality inevitably gets translated (…) into political inequality. And political inequality gets translated into more economic inequality. (…) Markets don’t exist in a vacuum.
Joseph Stiglitz, 21.8.2014

  • Rahmenbedingungen im Bereich von Bildung, öffentlicher Infrastruktur, die Besteuerung von Kapital, Corporate Governance, Wettbewerbsrecht etc. hätten alle weitreichende Auswirkungen auf die Einkommens- und Vermögensverteilung
  • Abschließend thematisiert er die Rolle der an das Finanzsystem „privatisierten“ Aufgabe der Kreditvergabe, die zentrale Auswirkungen auf die Verteilung habe

Er schließt mit dem Verweis, dass mittlerweile auch der IWF einsehe, dass es keinen Trade-Off zwischen Ungleichheit und Wirtschaftswachstum, zwischen Effizienz und Verteilung, gebe – ein Argument, welches er auch in seinem vor zwei Jahren erschienen Buch „Preis der Ungleichheit“ macht.

It is not just economic laws, it’s political forces. So the issue here is not just economics or capitalism in the 21st century – as Piketty said – it is really about democracy in the 21st century.
There are in fact many instruments in our disposal to create a more equal society. And many of these instruments would at the same time create a more efficient and better performing economy.
Joseph Stiglitz, 21.8.2014

Hier lässt sich das Video der Rede anschauen (ca. 34 Minuten):