FT-Kommentar zu Ungleichheit: The message is sinking in

In der gestrigen Print-Ausgabe der Financial Times kommentiert der einflussreiche Kolumnist Martin Wolf unter dem Titel „Why inequality is such a drag on economies“ – warum Ungleichheit Volkswirtschaften so schade. Wolf betont, dass Ungleichheit sowohl aus moralischen und politischen Gründen, als auch aus ökonomischen Gründen Anlass zur Besorgnis gebe. In seinem Kommentar konzentriert er sich auf die ökonomischen Folgen. Er reiht sich damit in eine wachsende Zahl von wirtschaftspolitischen Beobachtern ein, die diese Position vertreten.

Seine Punkte im Überblick:

  • Die USA der vergangenen Jahrzehnte stellten ein Versuchslabor für ökonomische Folgen der Ungleichheit dar – mit beunruhigenden Ergebnissen
  • Diese Erkenntnis werde mittlerweile auch jenseits der üblichen Verdächtigen vertreten. Zuletzt positionierten sich sogar zwei der – sozialistischer Umtriebe eher unverdächtigen – US-Ratingagenturen so: Standard & Poor’s und Morgan Stanley
  • Die Ungleichheit in den USA habe auf dramatische Weise zugenommen: Die obersten 3% in der Einkommensverteilung erhielten knapp ein Drittel aller Einkommen. Die obersten 10 Prozent knapp die Hälfte. Während das Medianeinkommen von Familien in den letzten Jahren gesunken sei, hätte sich gleichzeitig das Durchschnittseinkommen erhöht: Ein klares Anzeichen für eine auseinanderdriftende Schere und ein Abhängen der Mittelschicht
  • Begründet liege der Anstieg der Ungleichheit darin, dass sich schlecht bezahlte, prekäre Beschäftigungsverhältnisse im Bereich niedriger Qualifikationen ausbreite und zugleich die ‚Prämien‘ auf hohe Berufsabschlüsse anstiegen
  • Darüber hinaus komme die Steuer- und Ausgabenpolitik der vergangenen Jahrzehnte den unteren Schichten immer weniger zugute: Die untersten 20% der Einkommenbezieher der USA erhielten im Jahr 2012 nur noch 36% der Transferzahlungen der US-Bundesebene, verglichen mit 54% im Jahr 1979
  • Die Arbeitgeberbeiträge in den USA seien mittlerweile ‚regressiv‘, belasteten die unteren Einkommensbezieher also überproportional im Vergleich zu den Beziehern von Spitzeneinkommen
  • Desweiteren seien die Vorstandsvergütungen explodiert und es habe eine Verschiebung von Arbeits- hin zu Kapitaleinkommen gegeben
  • Schließlich nutze die Geldpolitik der Federal Reserve vor allem den Wohlhabenden, angesichts der intensiven Bemühungen, die Vermögenspreise nach oben zu treiben
  • Zwei ökonomische Folgen der Ungleichheit stächen hevor: eine schwächelnde gesamtwirtschaftliche Nachfrage und ausbleibende Fortschritte in der Bildungsexpansion weiter Teile der Gesellschaft
  • Bis zur Finanzkrise seien die Stagnation der Realeinkommen durch Privatverschuldung ausgeglichen worden; seitdem herrsche ein Nachfragemangel.
  • Angesichts der begrenzten Möglichkeiten der hochverschuldeten US-Regierung sei ohne eine Reduzierung der Ungleichheit nicht erkennbar, wie diese Lücke geschlossen werden könne. Die Unternehmen hielten sich mit Investitionen zurück, eben wegen der Erwartung schwacher Nachfrage – und auch in höheren Exporten liege keine Lösung, da alle Länder versuchten exportgetriebenes Wachstum zu erreichen.
  • Zur Bildung: Die USA seien das einzige reiche Land, in dem die heutige Generation in der ersten Berufsphase (24-34 Jahre) keine höheren Qualifikationsniveaus hätte als diejenigen die vor dem Ausstieg aus dem Berufsleben stünden (55-64 Jahre). Zum Teil liege das am mangelnden Zugang zu Bildungschancen der ökonomisch Benachteiligten
  • Alles in allem seien daher die Zukunftsaussichten für die wirtschaftliche Entwicklung in den USA düster: die von vielen Beobachtern erwartete ‚secular stagnation‚, also dauerhaft niedrige Wachstumsraten, hinge mit den genannten Verteilungsentwicklungen zusammen.
  • Dabei reiche das Problem jedoch noch tiefer, angesichts zunehmend an den Interessen von „Plutokraten“ ausgerichteter Politik entgegen dem repulikanischen Grundsatz politischer Gleichheit:

The costs to society of rising inequality go further. To my mind, the greatest costs are the erosion of the republican ideal of shared citizenship.
Martin Wolf, Financial Times (30.9.2014)

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