Die Nebelkerze brennt

Der gestern beschriebene Akt im Drama um die Piketty-Rezeption in Deutschland geht weiter.

Gestern Abend erschien auf Wiwo-Online, mittlerweile auch bei Handelsblatt-Online, ein Artikel zum Thema, bei dem offensichtlich von dem gestern diskutierten FAZ-Beitrag abgeschrieben wurde.

Zahlreiche Twitter-Nutzer verbreiteten derweil die Botschaft, darunter auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall:

Auf meinen Vorwurf, es handele sich hier um eine Scheindebatte, bei der gar kein Widerspruch bei Piketty bestehe, zitiert Patrick Bernau ein FR-Interview Pikettys:

Allerdings unterstützt das Interview in seiner Gesamtheit überhaupt nicht Bernaus These, sondern bestätigt meine Kritik:

Reicht das Wirtschaftswachstum nicht aus, um die Ungleichheit zu vermindern? Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es doch auch eine abnehmende Ungleichheit?

Auf Dauer gesehen reicht es nicht. Dafür wären Zuwachsraten von vier, fünf Prozent nötig, die wir in Europa und den entwickelten Gesellschaften nicht mehr erreichen können. Was die Politik nicht leisten kann, ist eine Rückkehr zu den Wachstumsraten, die es in der Nachkriegsära zwischen 1950 und 1970 gab. Das kommt nie wieder. (…)
Thomas Piketty in FR-Interview, 6. Juni 2014

Bernau suggeriert, dass Pikety in dem Interview im Juni 2014 mit diesem Satz noch r>g als alleinige Bestimmungskraft der Vermögensungleichheit sehe. Dagegen betone er in einem demnächst erscheinenden Paper, dass r>g dies für das 20. Jahrhundert nicht gewesen sei und auch für eine Prognose fürs 21. Jahrhundert nicht sei.

Aber auch in dem Interview betont Piketty die zentrale Bedeutung von politischen Schocks, Institutionen und gezieltem Gegensteuern etwa durch Vermögensbesteuerung gegen die beschriebene fundamentale Ungleichheitdynamik:

Und das Ergebnis?

Es gibt viele unterschiedliche Resultate, die sich aus den Daten ergeben, auch wenn manche vielleicht gerne eine einzige Schlussfolgerung daraus ziehen würden. So gab es in der Geschichte durchaus Kräfte, die für eine Reduzierung der Ungleichheit gesorgt haben, andere wiederum verstärkten die Ungleichheit. Welche dominierte, hing mit davon ab, wie die Institutionen der jeweiligen Staaten beschaffen waren, etwa in Bezug auf Steuer oder Bildung. Das Buch schließt einen historischen und ökonomischen Determinismus aus.
Thomas Piketty in FR-Interview, 6. Juni 2014

Schon hier relativiert also Piketty die von ihm analysierte Ungleichheitsmechanik, die er mit r>g rhetorisch zuspitzt.

Wo ist also der Schwenk Pikettys? Es gibt ihn einfach nicht. Hier findet eine Scheindebatte statt – just an dem Tag an dem Pikettys Interventionen zur Eurokrise auf Deutsch erschienen sind.

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