LSE erhält Megaspende für Thema Ungleichheit

Logo des neuen Instituts (Quelle: LSE)

Logo des LSE-Instituts (Quelle: LSE)

Ein Jahr nach der Gründung eines eigenen Ungleichheits-Instituts verkündet die London School of Economics (LSE) nun die größte Spende ihrer Geschichte. In den nächsten 20 Jahren sollen 600 sogenannte Atlantic Fellows zum Thema Ungleichheit unter dem Dach der LSE zusammenkommen. Die Spende im Umfang von rund 65 Mio. Pfund kommt von der Stiftung Atlantic Philantropies – und sie wirft grundlegende Demokratie-Fragen auf

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Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle über die Gründung eines eigenen Ungleichheitsinstituts an der London School of Economics (LSE) berichtet. Eine Stiftung hatte 1 Mio. Pfund zur Verfügung gestellt um Doktorandenstipendien und einen eigenen Ungleichheits-Master-Studiengang unter dem Dach des neuen International Inequalities Institute der LSE zu schaffen. Der Ungleichheitsforscher Thomas Piketty konnte als Gastprofessor gewonnen werden.

Jetzt vermeldet der Co-Direktor des LSE-Ungleichheits-Instituts, Mike Savage, eine spektakuläre Neuigkeit: Unter dem Dach des Instituts wird nun ein sogenanntes Atlantic-Fellows-Programm geschaffen, bei dem für sage und schreibe 64,4 Mio. Pfund (rund 80 Mio. Euro) über die nächsten 20 Jahre 600 Fellowships finanziert werden sollen.

Die größte Spende in der Geschichte der LSE

Die Fellowships sollen international vergeben werden, an Menschen unter anderem aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik, Medien und Kultur, die zum Thema Ungleichheit arbeiten. Fellows nehmen an Programmen der LSE teil – vollzeit oder berufsbegleitend -, und sie erhalten Mentoring von Wissenschaftler*innen der LSE und aus Partnerorganisationen der Zivilgesellschaft. Ziel sei es, ein globales Netzwerk von Aktiven in Führungspositionen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen aufzubauen, die ein Verständnis für die „multidimensionale Herausforderung“ der Ungleichheit auszeichne.

Mit knapp 65 Millionen Pfund handelt es sich um die größte Spende, die die LSE in ihrer Geschichte erhalten hat.

Ein globales Netzwerk für „Systemic Change“

Das Geld stammt von der Stiftung Atlantic Philantropies, die von dem Irisch-Amerikanischen Unternehmer Chuck Feeney gegründet wurde. Die Stiftung gilt als gesellschaftlich liberale Stiftung und wird in der New York Times in politischer Nähe zu anderen großen „liberalen“ US-Stiftungen wie der Open Society Foundation von George Soros und der Ford Foundation verortet.

Die Stiftung hat mit 7,5 Mrd. Dollar bereits einen Großteil ihrer Mittel verausgabt. Nun sollen bis 2020 die verbleibenden Mittel ausgegeben werden. Folgende Ziele verfolgt die Stiftung dabei nach eigenen Angaben:

In total, The Atlantic Philanthropies will invest more than $600 million over the next two decades in building a global network of thousands of Atlantic Fellows, and the institutions that support and nurture them. This substantial investment is not only the foundation’s biggest bet ever, but a final promise to dedicate our remaining resources to supporting people with the courage, conviction and capacity to produce systemic change that promotes fairness, opportunity, dignity and inclusion, benefiting particularly those who face unfair disadvantages and vulnerabilities.
Atlantic Philantropies

Aus demokratischer Sicht ein fundamentales Problem

An der großen Spende wird deutlich, dass einzelne Vermögende ein zentrales Gewicht als globale Agenda-Setter spielen können. Zwar kann Geld allein nicht immer ein Thema groß machen – und auch ohne großes Geld wurde das Thema Ungleichheit mit der Occupy-Bewegung und spätestens mit dem fulminanten Erfolg von Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ in den USA ein globales Megathema.

Dennoch kann erst durch eine derart umfangreiche Finanzierung die nötige breit angelegte Forschung und der wertvolle Raum für Austausch zwischen Mulitiplikator*innen geschaffen werden, die das Thema dauerhaft auf der Tagesordnung halten dürften. Aus einer demokratischen Sicht, wonach das Prinzip gleicher politischer Teilhabe von fundamentaler Bedeutung ist, sind solche Ungleichgewichte in den Chancen, ein Thema stark zu machen oder nicht, ein Skandal.

Der Co-Direktor des LSE-Ungleichheits-Instituts, Mike Savage, erkennt dieses Problem auch an. Er schreibt:

It is worth pausing to consider the significance of this donation, especially noting the concerns raised about the power of philanthropic giving in academic life (as brilliantly exposed by Linsey McGoey recently, especially with respect to the Gates Foundation). There are plenty of dilemmas too, most notably in becoming embedded into the philanthropic embrace, itself part and parcel of the rise of super wealthy fortunes which should surely worry those concerned with inequalities. This is taking sociology out of its comfort zone and onto a very different terrain.
Mike Savage

Sinnvolle strategische Notlösung? Privilegien nutzen um Privilegien abzubauen

Es ist erfreulich, dass die Direktoren des LSE Ungleichheits-Instituts, die nun zentral an der Verwendung der Gelder beteiligt sind, offenbar ein kritisches Bewusstsein für dieses Problem haben. Und immerhin ließe sich hier argumentieren, dass die Mittel dafür verwendet werden könnten, die Privilegien mit denen sie einhergehen, perspektivisch abzuschaffen. Und strategisch gesehen: In einer Welt ungleicher Ressourcen dienen sie dazu, die Stimme derjenigen, die solche Privilegien aufrecht erhalten wollen, relativ zu schwächen.

Dennoch kann langfristig nur das Ziel sein, dass demokratisch darüber entschieden wird und aufgrund entsprechender finanzieller Spielräume auch entschieden werden kann, ob Universitäten ausreichend ausgestattet sind, um gesellschaftliche Großthemen angemessen zu bearbeiten. Und dass sie dabei unabhängig agieren können und nicht nach dem Gusto einzelner Reicher.

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