Schwache Argumente? Einblicke in den Abgrund der deutschen Piketty-Debatte

Thomas Pikettys ‚Capital in the 21st Century’ macht international Furore – es führt Bestsellerlisten an, füllt die Blogs und Feuilletons, ja sogar zum Talk-Show-Thema in der ARD hat das Buch, das die wachsende Einkommensungleichheit und Vermögenskonzentration in den Fokus rückt, getaugt. Da ist es nicht verwunderlich, dass es die Kritiker auf den Plan ruft. Die Wucht allerdings, mit der die Attacke von einschlägigen Medien und Ökonomen insbesondere in Deutschland betrieben wird, lässt aufhorchen. Ein Gespenst geht um, das Gespenst der Ungleichheitsforschung.

Den ersten großen Vorstoß machte die Financial Times. Auf der Titelseite attackierte sie Piketty da, wo er am unangreifbarsten schien: an seinem umfangreichen Datenwerk. Seine Daten seien fehlerhaft, grobe handwerkliche Mängel seien in seinen – von Anfang an öffentlich gemachten – Datentabellen zu finden. Dass sich am Ende vor allem die Financial Times die Blöße gab, unter anderem weil sie peinlicherweise die Ergebnisse freiwilliger Umfragedaten (in denen hohe Vermögen bekanntermaßen unterrepräsentiert sind) gegen Pikettys Steuerdaten ins Feld führte, um die Vermögensungleichheit in Großbritannien kleinzureden – das war am Ende nicht mehr Thema für die Titelseite. Ausgerechnet das für seine Vermögensrangliste berüchtigte Forbes Magazine spießte die Financial Times für ihre Story über Pikettys angebliche Fehler auf. Es ist einfach nicht zu leugnen, dass die Einkommens- und Vermögensungleichheit in den meisten Ländern stark zugenommen hat.

In Deutschland, wo der Mainstream der Volkswirtschaftslehre seit langem international bekannt ist für sein starres Weltbild, führt der Wirtschaftsteil der FAZ die große Gegenreaktion. Sechs Ökonomen sind eingeladen, „die Theorie, die Daten und verfehlte sozialistische Politikempfehlungen“ zu kritisieren (FAZ, 15.5.2014). Jeder darf einmal draufhauen. Lob für die Forschungsleistung einer Gruppe von international äußerst renommierten Ökonomen, von zum Teil zwanzig Jahren Arbeit auf nachweislich höchstem akademischem Niveau? Fehlanzeige. Dafür haben offenbar Größen wie Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman, Joseph Stiglitz und Robert Solow und die meisten internationalen Medien wie der Economist schon zu kräftig gelobt. Jetzt zählt offenbar nicht mehr akademischer Anstand, sondern dass die Debatte schön schnell eingefangen wird, bevor noch jemand auf die Idee kommt auch für Deutschland hohe Spitzensteuersätze und Kapitalbesteuerung zu fordern.

Nicht dass Kritik nicht angebracht wäre, gerade bei einem Wälzer wie Pikettys ‚Capital‘. Wer bei einem 700-Seiten-Werk unterstellt, es wäre unangreifbar, sollte schleunigst einen Fachwechsel in die Theologie erwägen. Doch es fällt auf, wie krampfhaft manche Ökonomen, deren Forschungsschwerpunkt gar nicht im Bereich der Ungleichheitsforschung liegt, auf einmal bemüht sind, Pikettys Buch zu verreißen, vor allem in Deutschland. Kann es sein, dass eine ganze Forschungsrichtung so falsch liegt? Ist die Ungleichheit etwa gar nicht gestiegen? Für den neugierigen Zeitungsleser kaum noch herauszufinden, wenn die ‚Debatte‘ derart einseitig geführt wird. In der FAZ vom 15.5. kommen nur sechs Kritiker zu Wort.

Paradigmatisch ist eine ‚Rezension‘ von Stefan Homburg, einer der sechs, in der WELT. Der Finanzwissenschaftler und Unterstützer der rechtspopulistischen AfD, der Generationen von Studierenden der Makroökonomik vor allem als Lehrbuchautor bekannt ist, schreibt eine wüste Polemik gegen Pikettys Buch unter dem vollmundigen Titel „Die schwachen Argumente des Kapitalismuskritikers“. Seine eigentliche Kritik entwickelt er in einem kurzen Working Paper, in dem er Pikettys Argumente vor dem Hintergrund einfacher neoklassischer Modelle beleuchtet (welche wiederum auf so restriktiven Annahmen basieren und Fragen der Einkommensverteilung per Annahme so weit ausblenden, dass sie für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Piketty kaum taugen). In der breiten öffentlichen Debatte jedoch muss man schon anders zulangen.

Homburg beginnt mit einem methodischen Vorwurf. Piketty arbeite mit einer „dialektischen Argumentationsweise“, wonach Piketty „so gut wie jede seiner Aussagen relativiert, zurücknimmt oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt“. Was man aber tatsächlich bei Piketty vor allem liest, sind differenzierte Aussagen. Und genau damit erweist er sich als der wirklichkeitsnähere Ökonom. Klar, in der AfD kann man mit solchen Sätzen Pikettys keine Plakate machen:

The first [major conclusion] is that one should be wary of any economic determinism in regard to inequalities of wealth and income.
Thomas Piketty 2014, Capital in the 21st Century, S.20

Aber beim Welt-Leser hat Homburg möglicherweise sein Ziel schon erreicht. Dialektik klingt nach Marx, Kritischer Theorie und anderem ‚Murks‘. Also lieber die dreißig Euro für Piketty sparen und in das nächste schön undialektische Glaubensbekenntnis eines guten deutschen Liberalen investieren.

Doch Homburg bringt auch Substanz. Ganz ohne geht so eine Polemik auch nicht. Er kritisiert Pikettys These, dass die zutreffende Beobachtung, die reale Kapitalrendite sei historisch typischerweise größer als die reale Wachstumsrate, impliziere, dass hierdurch die Vermögen schneller wachsen als die Einkommen und somit die Ungleichheit immer weiter steige. Homburg hat natürlich Recht, dass dies logisch zwingend nur stimmt, wenn die Sparquote aus Vermögenseinkommen 100% ist. Das heißt aber nicht, dass die von Piketty ausgemachte Ungleichheits-Dynamik damit gleich unhaltbar ist: Denn auch mit geringeren Sparquoten kann sich ein Anwachsen des Verhältnisses von gesamtwirtschaftlichem Vermögen zu gesamtwirtschaftlichem Einkommen vollziehen, was Piketty übrigens explizit ausführt:

When the rate of return on capital significantly exceeds the growth rate of the economy (…), then it logically follows that inherited wealth grows faster than output and income. People with inherited wealth need save only a portion of their income from capital to see that capital grow more quickly than the economy as a whole.
Piketty, Capital, p. 26, Hervorhebung: JB

Und obwohl Homburg das Gegenteil behauptet, zeigt Piketty genau dies in seinen Daten, auch für die USA. Hier steigt das Verhältnis von privatem Vermögen und Einkommen zwischen 1810 und heute außer während der Weltkriege und der New-Deal-Politik stetig an.

Die von Piketty herausgearbeitete Ungleichheitsdynamik ist auch gerade deshalb plausibel, weil die Sparquote empirisch bei den obersten Einkommensgruppen, auf die sich auch die Vermögen konzentrieren, höher ist als bei niedrigeren Einkommensbeziehern – selbst wenn die Financial Times mit ihrem Luxus-Hochglanzmagazin „How To Spend It“ sich redlich darum bemüht, dem entgegenzuwirken. Und Piketty wird nicht müde zu betonen, dass die zukünftige Entwicklung dennoch nicht determiniert ist, wie Homburg ihm unterstellt, sondern dass es eine offene Zukunft ist, die insbesondere von politischen Entscheidungen abhängt.

Aber das scheint Homburg nicht zu beachten. Er vergleicht Piketty mit einem Meteorologen und wirft ihm vor, zu spekulieren:

Artikel vom Typ „Der nächste Winter wird besonders kalt!“ erzeugen zwar mediale Resonanz, sie sind aber das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen. Prognosen über die Einkommensverteilung im nächsten Jahrhundert sind gleichermaßen unnütz und haben mit Wissenschaft nichts zu tun.

Dabei gibt Piketty gar keine Prognosen ab. Im Gegenteil, er wehrt sich vorsorglich, nicht erst im Kleingedruckten mitten im Buch, sondern prominent in der Einleitung, dagegen:

In the model I propose, divergence is not perpetual and is only one of several possible future directions for the distribution of wealth. (…) It is possible to imagine public institutions and policies that would counter the effects of this implacable logic (…).
Piketty, Capital, p.27

Doch genau diesen politischen Einfluss auf die Einkommensverteilung scheint Homburg verhindern zu wollen. Er prophezeit Piketty, als scheinbar neutraler Beobachter, dass sein Werk wirtschaftspolitisch keine Beachtung finden werde. Als Grund führt Homburg aber nicht gesellschaftliche Machtverhältnisse und die Homogenität seiner eigenen Zunft an, sondern dass das Scheitern der „Politik extremer Steuern und Staatsausgaben“ in Pikettys Heimatland Frankreich „nur zu offensichtlich“ sei. Dabei sind ja die meisten in Pikettys Buch angedachten Politikvorschläge, global oder zumindest transnational angelegt – ein Programm, das man in Frankreich alleine schwerlich umsetzen kann. Kein Wort zudem darüber, dass die Spitzensteuersätze in der Einkommens- und Erbschaftsteuer in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern deutlich höher lagen als heute in Frankreich (streckenweise um die 80-90% in Großbritannien und den USA). Diese Politik wurde seinerzeit getragen von einem breiten politischen Konsens über die Schädlichkeit extremer ökonomischer Ungleichheit für Demokratie und wirtschaftliche Stabilität nach den Erfahrungen der Weltkriege. Und Piketty kritisiert daher auch gar nicht „den Kapitalismus“, sondern schlicht eine bestimmte Art von Kapitalismus, in dem die ökonomische Ungleichheit extrem wird.

Es ist genau eine Stärke von Pikettys Analyse, dass sie eine Offenheit für die Ergebnisse dem demokratischen Prozess reserviert, überhaupt dass sie politische und soziale Rahmenbedingungen in die ökonomische Analyse einbezieht. Bürger können sich selbst ein Bild machen und durch demokratische Verfahren beeinflussen, wie sich Ungleichheitsverhältnisse in der Zukunft verändern werden. Nur sollten sie da vielleicht überlegen, ob sie wirklich Homburg folgen und sich einreden lassen, es lohne der Blick ins Buch schon nicht.

Es darf schon stutzig machen, wenn einer meint, eine solch enorme Forschungsleistung, wie die von Thomas Piketty (Paris), Emmanual Saez (Berkeley), Tony Atkinson (Oxford), Facundo Alvaredo (Oxford/Paris) und vielen anderen angelegten World Top Incomes Database und zugehöriger Publikationen in einem Federstrich in der WELT und in einem neunseitigen Working Paper zerreißen zu können. Und richtig offensichtlich wird die Polemik Homburgs, als er dieses kollaborative Projekt als „Neidforschung“ abtut. Nicht dass Neidforschung nicht spannend wäre. Diese ist aber völlig woanders, in der Sozialpsychologie, zu verorten, während das, was Piketty und Kollegen betreiben, empirische Forschung an der Schnittstelle zwischen Wirtschaftsgeschichte und volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung darstellt.

Was soll der unpassende Begriff Neidforschung wohl suggerieren? Dass es sich hier um ein moralin-saures, neidgetriebenes Unterfangen handele, das in handfesten polit-ökonomischen Analysen nichts zu suchen habe? Genau dies wäre infam. Die obersten Einkommen sind von der Größenordnung äußerst relevant. In den USA beziehen die oberen 10% der Einkommensbezieher mittlerweile etwa die Hälfte aller Vorsteuereinkommen, das obere 1% allein etwa 15-20% aller Einkommen. Und anders als dieser Tage vereinzelt suggeriert wird, ist natürlich auch in Deutschland eine steigende Konzentration von Einkommen und Vermögen festzustellen, die insbesondere in steigenden Gewinneinkommen der Unternehmen zu Lasten der Arbeitseinkommen Ausdruck findet. Die Spitzeneinkommen sind damit sowohl von makroökonomischer wie von demokratietheoretischer Bedeutung.

Was letzteres betrifft, da ist Homburg immerhin sehr offen: Statt ihre gesamten Vermögenseinkünfte zu investieren, könnten die Reichen ja auch ihr Geld für politischen Einfluss ausgeben. Dass die interessierten Kreise derzeit so massiv in die Diffamierung von Thomas Piketty und mit ihm der internationalen Ungleichheitsforschung „investieren“, zeigt wohl nur, dass das zunehmende Ausmaß der Ungleichheit immer schwerer zu kaschieren ist. Und es sagt einiges aus über den Zustand der Mainstream-Ökonomie insbesondere in Deutschland, die zur Analyse wirklichkeitsrelevanter Phänomene häufig nur wenig beizutragen hat.

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