Martin Winterkorn und die Rechtfertigung von Ungleichheit

War das Rekordgehalt von Martin Winterkorn gerechtfertigt? Noch vor dem aktuellen Abgas-Skandal von VW bot die öffentliche Debatte um das Rekordgehalt des VW-Managers im Jahr 2012 eine gute Gelegenheit, verschiedenen in den Medien vorgebrachten Argumenten für und gegen Einkommensungleichheit auf die Spur zu kommen.

 
 
 

The imagination of the elite to justify inequality is endless
Thomas Piketty

(Noch-)VW-Chef Martin Winterkorn ist dieser Tage in aller Munde. Seit Vorwürfe der amerikanischen Umweltbehörde EPA laut wurden, VW habe mittels einer Software Ergebnisse von Abgastests manipuliert, wird die Frage nach Winterkorns Verantwortung für diesen unternehmenspolitischen Super-Gau laut. Martin Winterkorn 2014-03-13 001Selbst wenn er nichts von den Manipulationen gewusst hätte, stellte sich die Frage in wie weit er allein durch sein Amt als Chef Verantwortung übernehmen müsste.

Rechtfertigungsmuster von Martin Winterkorns Rekordgehalt 2012

Bereits im Frühjahr 2012 war Martin Winterkorn in aller Munde. Damals wurde bekannt, dass Winterkorn im Vorjahr mehr als 17 Millionen Euro verdient hatte. Ein Raunen ging durch die Öffentlichkeit ob dieses Rekordgehalts. Konnte es gerechtfertigt sein, dass ein Vorstandschef das rund 400-fache eines Facharbeiter-Lohns erhielt? Auch hier wurde Verantwortung als eine von verschiedenen Rechtfertigungen herangezogen. Winterkorn übernähme durch seine Entscheidungen Verantwortung für die vielen Beschäftigten, für die Zulieferer, ja – durch das Steueraufkommen des Auto-Konzerns sogar für einen großen Posten des Fiskus.

Doch auch andere Rechtfertigungs-Argumente wurden vorgebracht: Winterkorn leiste Unglaubliches. Er arbeite viele Stunden und habe viel Stress. Und er leiste auch Großes im Sinne des Ergebnisses seiner Arbeit: VW stehe extrem erfolgreich da auf dem globalen Markt, der Konzern expandiere und mache Gewinne.

Noch andere rechtfertigten sein Gehalt schlicht mit dem Prozess durch den es zustande komme: ein etabliertes Verfahren der Gehaltsbestimmung durch den Aufsichtsrat, der im deutschen System der Mitbestimmung immerhin (beinahe) paritätisch durch Arbeitnehmervertreter besetzt wäre.

Wirtschaftsliberale Stimmen rechtfertigten Winterkorns Gehalt ebenfalls mit einem für gut oder gar gerecht befundenen Prozess: Dem Marktprozess. Aus ihrer Sicht war das Rekordgehalt allein deshalb in Ordnung weil der „Markt für Manager“ eben zu diesen Ergebnissen führe. Wenige fähige Personen würden umworben von vielen Unternehmen. Das treibe den Preis für deren Arbeit in die Spitze. OK sei das allemal, weil vermeintlich alle Beteiligten (Eigentümer des Unternehmens, die Kunden, der Arbeitnehmer) aus freien Stücken handelten.

Winterkorns Gehalt wurde natürlich auch in Frage gestellt. Manche Argumente betonten den Schaden, den die Gesellschaft, der soziale Frieden, oder auch die Demokratie durch zu hohe Abstände zwischen den Gehältern anrichte. Oder sie sorgten sich zwar nicht um Ungleichheit an sich, aber darum, dass die Akzeptanz der „Sozialen Marktwirtschaft“ in Gefahr sei (und damit perspektivisch auch eher die Möglichkeit zu Ungleichheit zumindest in geringeren Ausmaßen). Andere Kritiker stellten auf Bedürfnisse ab: So viel brauche Herr Winterkorn doch gar nicht. Und eine Reihe von Kritiken des Gehalts bezogen sich auf dasselbe Motiv, auf das sich auch Befürworter beriefen: Das Leistungsprinzip. Diesmal jedoch wurde das Gehalt als illegitim in Frage gestellt, weil Winterkorn nicht so viel mehr leiste als andere, die nur einen Bruchteil erhielten.

Eine Typologie der Rechtfertigungsmuster von Einkommensungleichheit

Wie lassen sich all diese Argumente systematisieren? Diese Frage habe ich mir in meiner Masterarbeit vor zwei Jahren gestellt. Zunächst musste ich die oben genannten Argumentationsmuster erst einmal durch eine empirische Analyse identifizieren. Anhand einer Analyse von rund 500 Zeitungsartikeln untersuchte ich die mediale Debatte um Martin Winterkorns Rekordgehalt in den Jahren 2012 und 2013. Eine Vielzahl von Argumenten für und gegen dieses Rekordgehalt, hohe Managergehälter oder gar ganz allgemein zur Frage der Legitimität von Einkommensungleichheit konnte ich entdecken und nach und nach sortieren.

Im Anschluss habe ich versucht, daraus eine Typologie zu entwerfen, in der die verschiedenen Rechtfertigungsmuster eingeordnet werden können. In Langform lässt sich das Ganze hier (PDF) nachlesen. In Kurzform sieht die Typologie folgendermaßen aus:

typologie_schema

Die Abbildung zeigt schematisch, was Tabelle 1 der Arbeit ausführlich darstellt.

  • Fünf zentrale Rechtfertigungsmuster der Einkommensungleichheit werden sichtbar, die jedoch noch einmal in verschiedene Untervarianten unterschieden werden können.
  • Beispielsweise gibt es sehr verschiedene „prozedurale“ Rechtfertigungmuster (grün), den Marktprozess, die Aufsichtsratsentscheidung in der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern oder auch, denkbar, eine demokratische Entscheidung.
  • Oder: Das Argument der Chancengleichheit (dunkelblau) hat verschiedene Ausprägungen; eine, die eher auf gleiche formale Rechte abzielt, und eine, die auch Nachteile durch Geburt und soziale Faktoren berücksichtigt.
  • Innerhalb der fünf Kern-Rechtfertigungsmuster wird noch einmal extra unterschieden in unterschiedliche Varianten („intrinsisch vs. funktional“), je nachdem, ob Bezug auf einen direkten Gerechtigkeitsanspruch genommen wird, oder ob vielmehr andere Werte herangezogen werden, um das Rechtfertigungsmuster zu begründen
  • Zum Beispiel können Einkommensungleichheiten mit unterschiedlicher Leistung begründet werden, und hier sowohl mit Leistung im Sinne einer Anstrengung (Input) oder im Sinne ihrer Resultate (Output). Aber es lässt sich auch unterscheiden, ob das Leistungsprinzip als in sich gerecht betrachtet wird, beispielsweise weil mit der unterschiedlichen Bezahlung Anerkennung transportiert wird; oder ob es etwa deshalb befürwortet wird, weil es Anreize zu einem Verhalten setzt, das wünschenswert ist.
  • Zudem gibt es eine Reihe von „Querschnittsrechtfertigungsmustern„, die sich aus verschiedenen Figuren der Typologie zusammensetzen. Auch Überschneidungen zwischen den verschiedenen Typen sind nicht selten.

Zur Bedeutung von Prämissen

Was in der schematischen Darstellung nur angedeutet ist, aber im Verlauf der Analyse sehr deutlich wurde: Prämissen – sei es bezüglich Definitionen, Annahmen über menschliches Verhalten oder auch über Zuschreibungen von Fakten und Wirkungszusammenhängen – spielen eine entscheidende Rolle in der konkreten Ausprägung von Rechtfertigungsmustern. So lässt sich erklären, wie das Leistungsmotiv sowohl in einem Rechtfertigungs-Argument für, als auch gegen Winterkorns Rekordgehalt auftauchen kann: Die Leistung wird unterschiedlich zugeordnet.

Oder in einer Variante des Rechtfertigungsmusters des Marktprozesses: Es wird vorausgesetzt, dass tatsächlich alle Beteiligten zu ihrer Entscheidung frei waren und dass die Ausübung dieser vermeintlichen Freiheit ebenfalls bedeutet, dass die Beteiligten die Verteilungsergebnisse für gut befinden. Oder: In einem ungleichheitskritischen Rechtfertigungsmuster wie dem Verweis auf schädliche Auswirkungen wird vorausgesetzt, dass denkbare schädliche Auswirkungen einer geringeren Ungleichheit weniger gravierend wären. Oder: Ein Verweis auf Leistungsanreize geht davon aus, dass Anreize etwa bei der Entscheidung, wie viel und wo ein Mensch arbeitet, der zentrale Faktor zur Erklärung dieses Verhaltens seien.

Ungleichheitsdiskurse offen legen

Was ist der Sinn einer solchen Typologie? Die Argumente kennt doch eh jede/r… Und genau darum geht es. Denn die meisten Argumente haben die meisten Menschen in dieser oder jener Form schon einmal gehört oder gar diskutiert. Häufig jedoch, so mein Eindruck, laufen diese Debatten durcheinander: Es wird unbewusst gesprungen von einem auf das andere Rechtfertigungsmuster. Und oft tauchen Rechtfertigungsmuster implizit auf.

Ein banales Beispiel liefert die Winterkorn-Debatte um dessen Rekordgehalt. Nachdem die Debatte 2012 große Wogen geschlagen hatte, reagierte der Aufsichtsrat und änderte die Vergütungsregeln für den VW-Vorstand. Im folgenden Jahr wurde dann gemeldet, dass Winterkorn durch die neuen Vergütungsregeln weniger als im Vorjahr verdient hatte, obwohl der Gewinn angestiegen war. Schon hier versteckt sich ein latentes Rechtfertigungsmuster. Das Wort „obwohl“ verweist auf eine Erwartung, dass steigende Gewinne sich in einem steigenden Gehalt des Managers niederschlagen sollten – vermutlich aufgrund der ihm zugeschriebenen „Leistung“.

Ein anderes Beispiel: In einer Talk-Show von Günter Jauch zum Thema hohe Managergehälter äußert sich Carsten Maschmeyer im Wortwechsel mit Sahra Wagenknecht recht diffus:

Maschmeyer: „Aber Sie können ja Manager nicht anders behandeln als Musiker oder Fernsehmoderatoren. Irgendwie muss ja sein [sic!]. Entweder gibt es unmaximierte Löhne und dann können ja auch nicht die Gebührenzahler abstimmen was Herr Jauch hier bekommt und die Konzertleute können sagen, Madonna darf nur 20 Euro pro Ticket nehmen.“ Unterbrechung Wagenknecht: „Aber es ist doch ein entscheidender Unterschied zwischen einem Manager und einem Musiker.“ Maschmeyer: „Sekunde, und ein Arzt darf nur maximal so viel operieren und so viel Geld verdienen. Auch ein Anwalt, der eine große Fusion von Milliarden macht bekommt andere Gebühren, als wenn der kleine sagt [sic!]. Das ist weltfremd, wenn wir nicht einfach sagen, die Dinge stehen in Relation zu den Ergebnissen, die dadurch entstehen, zustande kommen.“ (Applaus)

Maschmeyer vermischt hier eine Reihe von verschiedenen Rechtfertigungsmustern, die Motive Leistung („in Relation zu den Ergebnissen“), des Prozesses (die Freiheit des Arztes, sein Arbeitsvolumen selbst zu bestimmen) und der Chancengleichheit (Gleichbehandlung von Managern und Musikern und TV-Moderatoren). Die Argumente für sich genommen sind ja völlig in Ordnung. Die diffuse und suggestive Art, auf die sie vorgebracht werden jedoch verhindern eine analytische Auseinandersetzung.

Ungleichheit durch Ungleichheitsdiskurse?

Eine vieler Fragen, die offen bleiben, ist mir besonders wichtig: Wie wichtig sind eigentlich Rechtfertigungsmuster in der Entstehung von Einkommensungleichheit? Mal angenommen: Einkommensungleichheit bildet sich nicht, wie neoklassische Ökonomen gerne behaupten, einfach am „Markt“ (was immer das sein soll). Sondern nehmen wir einmal an, sie hinge, neben anderem (etwa dem „Markt“), auch davon ab, wie sie in der öffentlichen Debatte gerechtfertigt wird; dann könnte hier eine ungleichheitsfestigende oder gar -verstärkende Zirkularität bestehen. Denn ein derzeit dominantes Motiv ist das Rechtfertigungsmuster des vermeintlich funktionierenden Marktprozesses. Wäre aber tatsächlich die selbige Rechtfertigung wichtiger Teil dieses vermeintlich funktionierenden Marktprozesses, dann speiste sich die vermeintlich markt-legitime Ungleichheit aus sich selbst!

Wie gesagt: das sind nur Hypothesen, die es ausführlich zu erforschen gilt. Aber es sind, wie ich finde, keine unplausiblen Hypothesen. Und deshalb ist es wichtig darüber zu reden und Klarheit darüber zu gewinnen, wie eigentlich Einkommensungleichheit und auch andere Formen der Ungleichheit gerechtfertigt werden.

Nachtrag (April 2016): Die Arbeit wurde nun auch in englischer Überarbeitung im referierten Journal Social Justice Research veröffentlicht: Bank, Julian (2016): Mr. Winterkorn’s Pay: A Typology of Justification Patterns of Income Inequality, in: Social Justice Research, 29(2), 228–252. Das „accepted manuscript“ kann hier (PDF) heruntergeladen werden. Die finale Publikation findet sich bei Springer via http://dx.doi.org/10.1007/s11211-016-0264-z.

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