Weekly Piketty 7: Grenzen der Ungleichheitsrechtfertigung

Die Rechtfertigung von Ungleichheit ist bei Piketty nur am Rande Thema. Dabei verbergen sich in dem Buch einige interessante Überlegungen zu dieser Frage. Eine solche Überlegung, versteckt in einem Nebensatz, nehmen wir diese Woche in den Blick.

Cover PikettyPiketty analysiert in seinem Kapital im 21. Jahrhundert die historische Ungleichheitsentwicklung und versucht die verschiedenen Ungleichheitstriebkräfte dabei herauszuarbeiten. Die normative Rechtfertigung von Ungleichheit ist dabei weitestgehend kein Thema.

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Dennoch macht Piketty in seinem Kapitel über Wachstum einen interessanten Punkt, der die Debatte um Rechtfertigungsmuster der Ungleichheit berührt.

Piketty diskutiert an dieser Stelle eigentlich die Bedeutung von Wirtschaftswachstum für die Ungleichheitsentwicklung, und er stellt heraus, dass höheres Wachstum in zweierlei Hinsicht Ungleichheit entgegenwirken könne: zum einen reduziere starkes wirtschaftliches Wachstum die relative Bedeutung bereits akkumulierter Vermögen (vgl. Weekly Piketty 6); zudem könne Wachstum auch in anderer Hinsicht die soziale Mobilität steigern. Inwiefern? Piketty argumentiert, dass durch Wachstum eher neue gesellschaftliche Funktionen und neuartige Qualifikationsanforderungen entstünden als unter einer stagnierenden Wirtschaft und damit die Chancen, dass der familiäre Hintergrund den Weg zu privilegierten Positionen ebne, reduziere. (Allerdings begründet Piketty leider nicht weiter, warum nicht auch unter einer stagnierenden Wirtschaft eine qualitative Verschiebung der wirtschaftlichen Aktivitäten stattfinden könne, ebenso wie er nicht auf den möglichen Einwand eingeht, dass auch ein rein quantitatives Wachstum denkbar ist, das die Wirtschaftsstruktur nur in den Skalen vergrößert, nicht jedoch qualitativ.)

Dennoch warnt Piketty davor, in Wachstum eine automatische ungleichheitsreduzierende Kraft zu projizieren, die individuelle Talente zutage fördere:

One should be wary, however, of the conventional wisdom that modern economic growth is a marvelous instrument for revealing individual talents and aptitudes. There is some truth in this view, but since the early nineteenth century it has all too often been used to justify inequalities of all sorts, no matter how great their magnitude and no matter what their real causes may be, while at the same time gracing the winners in the new industrial economy with every imaginable virtue.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 85

Piketty spielt auf ein häufiges Rechtfertigungsmuster von Ungleichheit an: Nur wenn man Ungleichheit zulasse, kämen die Talente der Menschen zum Tragen.

The plain fact is that this argument is often used to justify extreme inequalities and to defend the privileges of the winners without much consideration for the losers, much less for the facts, and without any real effort to verify whether this very convenient principle can actually explain the changes we observe.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 85

Dies ist eine größere Debatte, auf die er an späterer Stelle auch noch einmal eingeht. Ein sehr interessantes, fast beiläufiges Argument jedoch, das Piketty hier auch macht ist in folgendem, bereits zitierten Satz verborgen:

(…) but since the early nineteenth century it has all too often been used to justify inequalities of all sorts, no matter how great their magnitude (…)
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 85

In jeder historischen Situation war der Verweis auf Innovation, die gesellschaftlich wertvollen Talente, usw. nur recht, um bestehende Ungleichheit zu legitimieren und um vor deren Reduzierung zu warnen: das würde wirtschaftliche Dynamik kosten. Mit dem beigefügten „no matter how great their magnitude“ jedoch wird dieses Argument in gewisser Hinsicht bloßgestellt: Denn die Ungleichheit war, wie Piketty ausführlich zeigt, zu unterschiedlichen Zeiten sehr unterschiedlich ausgeprägt. Und dennoch war sie dem kritisierten Argument zufolge immer genau so groß wie sie mindestens sein musste, um allen Wohlfahrt zu bringen.

Es ist natürlich kontrafaktisch zu argumentieren, dass unter geringerer Ungleichheit die wirtschaftliche Dynamik genau so groß oder gar größer gewesen wäre (genauso übrigens – der Vollständigkeit halber – wie es kontrafaktisch ist, anzunehmen, nur unter der größeren Ungleichheit wäre die tatsächlich gesehene wirtschaftliche Dynamik entstanden).

Dennoch rückt Piketty das Argument mit Fingerzeig auf den Kontrast zwischen historischer Kontinuität des Rechtfertigungsmusters und der sehr bewegten Geschichte der empirischen Ungleichheitsentwicklung in ein anderes Licht. Wer heute sagt Ungleichheit sei nötig für die Innovationskraft unserer Wirtschaft, und dabei weiß: das haben die Gewinner der Ungleichheit schon immer gesagt, der wird vielleicht noch einmal neu über diese Begründung von Privilegien nachdenken.


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