Weekly Piketty 8: Capital is never quiet – Metamorphosen, Wiederkehr und Kontinuität

Wie hat sich die Zusammensetzung und der Umfang der Vermögen europäischer und nordamerikanischer Volkswirtschaften im Laufe der letzten Jahrhunderte verändert? Die Antwort, die Piketty auf diese Frage mit seinen Daten gibt, steht im Mittelpunkt dieses Weekly Piketty

Cover Piketty

Capital is never quiet: it is always risk-oriented and entrepreneurial, at least at its inception, yet it always tends to transform itself into rents as it accumulates in large enough amounts – that is its vocation, its logical destination.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 115-116

So leitet Piketty seine Kapitel über die “Metamorphosen des Kapitals“, „Vom Alten Europa zur Neuen Welt“ ein und geht der Frage nach, inwiefern sich Kapital oder Vermögen (er verwendet die beiden Begriffe synonym) im Laufe der Zeit eigentlich verändert hat. Piketty betrachtet zunächst Großbritannien und Frankreich, zu denen er Daten bis zurück ins Jahr 1700 zusammengetragen hat. Im darauffolgenden Kapitel weitet er die Betrachtung noch auf Deutschland und Nordamerika aus, deren Daten bis 1870, bzw. 1770 für die USA, zurückreichen.

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Piketty beschreibt anhand seiner Daten, wie sich der Umfang und die Zusammensetzung der Vermögen im Verlauf der vergangenen zwei bis drei Jahrhunderte entwickelt haben und wie sich das Verhältnis von privaten Vermögen, öffentlichen Schulden und öffentlichen Vermögen verändert hat. Sein Maßstab bei der Betrachtung ist das jährliche Nationaleinkommen: Die gesamten Vermögen pro jährlichem Nationaleinkommen bezeichnet Piketty auch als ‚beta‘ (Vgl. Weekly Piketty 5).

Beta ist – abgesehen von seiner zentralen Rolle in Pikettys Verteilungsanalyse – deshalb eine hilfreiche Maßzahl, weil es den Vermögensbestand in einen intuitiven Maßstab einordnet: das jährlich in einem Land erzielte Gesamteinkommen. Dabei ist bei der Betrachtung über längere Zeiträume wichtig zu bedenken, dass sich die Bezugsgröße ‚Nationaleinkommen‘ (also grob gesagt das Bruttoinlandsprodukt) mit der Zeit ändert. Ein konstantes beta bei jährlich wachsendem Nationaleinkommen impliziert wachsende absolute Vermögen.

Folgende Kernerkenntnisse trägt Piketty zusammen:

Das alte Europa

  • Für Frankreich, Großbritannien und Deutschland ist ein grobes Muster in der Entwicklung des Vermögensbestands ersichtlich: Die gesamten Vermögen haben sich entlang einer „U-Kurve“ entwickelt:
      • Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts betrug das gesamte Vermögen dieser Länder das sechs- bis siebenfache des jährlichen Nationaleinkommens.
      • Zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge der Weltkriege und der Großen Depression verringerte es sich sehr stark um jeweils mehr als die Hälfte.
      • Zum Ende des 20. Jarhhunderts stieg das Verhältnis wieder beinahe auf das vorherige Niveau an.
  • Die Zusammensetzung des Kapitals veränderte sich jedoch im Verlauf der Zeit grundlegend:
      • Der Anteil der Vermögen in Form von Agrarland verringerte sich stetig: von Anfangs grob der Hälfte der Vermögenswerte auf einen kaum relevanten Restanteil
      • Der restliche Anteil der Vermögen, zunächst rund die Hälfte, bestand aus Unternehmen, insbesondere Industriekapital, und Immobilien. Dieser Teil entwickelte sich zu den zwei maßgeblichen Bestandteilen des Vermögens heutzutage
      • Ausländisches Kapital spielte vorübergehend insbesondere in den damaligen Kolonialmächten eine größere Rolle (vgl. Weekly Piketty 10)

Diese Entwicklung wird beispielsweise im bereits im Weekly Piketty 4 illustrierten Fall Großbritanniens sichtbar:

Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Kapital in Prozent des Nationaleinkommens. Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Nordamerika – „Die neue Welt“

  • Das Verhältnis des Vermögensbestands zu jährlichen Einkommen in Nordamerika (den USA und Kanada) war hingegen sehr viel konstanter und auf einem geringeren Niveau: im Bereich zwischen dem drei- bis fünffachen Wert jährlichen Nationaleinkommens.
  • Insgesamt vollzog sich jedoch auch hier eine ähnliche „Metamorphose“ weg vom Vermögensposten Agrarland hin zu etwa hälftig aufgeteilten Immobilien und „sonstigem inländischem Kapital“, also vor allem Industriekapital.
  • Für die USA sticht eine zusätzliche Form von ‚Vermögen‘ hervor: Menschen. Bis kurz vor der Abschaffung der Sklaverei in den 1860er Jahren bewegte sich dieser ‚Vermögensposten‘ etwa in der selben Größenordnung wie der zu dieser Zeit andere wichtige Posten, Agrarland. Der ‚Marktwert‘ der gesamten Sklaven in den USA gegen Ende des 18. Jahrhunderts und im frühen 19. Jahrhundert – rund 1 Million Menschen und damit ca. 20% der Bevölkerung in 1800 – betrug demnach etwa 150% des jährlichen Nationaleinkommens (dazu mehr im Weekly Piketty 11).
  • Kanada sticht in anderer Hinsicht hervor: hier gab es bis ins 20. Jahrhundert hinein einen wesentlichen Posten ‚negativen Auslandskapitals‘: Kanadas Vermögen gehörten zeitweise zu einem guten Fünftel Eigentümern im Ausland, insbesondere der britischen Krone.

Um die Rolle öffentlicher Vermögen geht es unter anderem im nächsten Weekly Piketty.


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