Weekly Piketty 4: Pikettys Kapitalbegriff

Cover PikettyMit dem Titel seines Bestsellers über Ungleichheit – „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ – kokettiert Thomas Piketty augenscheinlich mit Karl Marx und dessen dreibändigem Werk „Das Kapital“. Doch was Piketty unter Kapital versteht unterscheidet sich doch wesentlich von dem was Marx darunter gefasst hatte. Piketty verprellt mit seiner Definition von Kapital allerdings nicht nur Marxisten, sondern auch Ökonomen des Mainstreams.

Zur Piketty-Sonderseite von verteilungsfrage.org →

Piketty verwendet die Begriffe Vermögen und Kapital synonym (vgl. p. 47). Er definiert sie wie folgt:

In this book, capital is defined as the sum total of nonhuman assets that can be owned and exchanged on some market. Capital includes all forms of real property (including residential real estate) as well as financial and professional capital (plants, infrastructure, machinery, patents, and so on) used by firms and government agencies.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 46

Piketty begründet dies indem er mögliche Einwände kurz diskutiert.

Einwand eins: Sollte Kapital nicht lediglich von Menschen akkumulierte Vermögen bezeichnen, statt auch Land und natürliche Resourcen?

Dieser Einwand kommt [PDF] beispielsweise von dem marktliberalen Ökonomen Stefan Homburg. Hier argumentiert Piketty, dass es schwierig sei, den Wert von Gebäuden und Land beispielsweise sauber auseinander zu halten. Auch könne man nur schwerlich den Wert ‚unberührten‘ Landes ermessen, da die meisten Landschaften jahrtausendealte Kulturlandschaften seien.

[O]f course, this choice does not eliminate the need to look closely at the origins of wealth, especially the boundary line between accumulation and appropriation
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 47

Einwand zwei: Sollte nicht lediglich als Kapital zählen, was produktiv ist, also was direkt in wirtschaftliche Produktionsprozesse eingebunden ist?

Eine solche Kritik äußerte beispielsweise Joseph Stiglitz. Auch hier argumentiert Piketty, dass es nicht immer einfach sei, Grenzen zu ziehen. Selbst Gold, das scheinbar nur als Wertaufbewahrungsmittel diene, könne nicht nur im Juwelier-Gewerbe, sondern auch in der Mikroelektronik und Nanotechnologie als Produktionsfaktor eingesetzt werden. Piketty behauptet:

Capital in all its forms has always played a dual role, as both store of value and a factor of production.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 48

In eine ähnliche Richtung geht Einwand drei: Sollten nicht zumindest Immobilien als ‚unproduktives Kapital‘ ausgeschlossen werden?

Erneut begründet Piketty seine Entscheidung, auch Immobilien als Kapital zu zählen, damit, dass es schwierig sei, abzugrenzen, wann denn eine Immobilie nun eher ‚produktiv‘ sei – indem sie ihren Bewohnern Nutzen stifte – und wann sie ‚lediglich‘ als Geldanlage diene.

The truth is that all these forms of wealth are useful and productive and reflect capital’s two major economic functions.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 31

Piketty wertet zugleich Humankapital nicht als Kapital – wohingegen immaterielle Kapitalformen wie Patente und anderes geistiges Eigentum als nicht-finanzielles oder finanzielles Kapital (indirekt, beim Eigentum an Unternehmen, die wiederum Inhaber von Patenten sind) eingingen (p.49).

Entscheidend für Pikettys Zwecke jedoch ist gar nicht so sehr eine Definition von Kapital mit Blick auf den spezifischen Produktionsprozesses, sondern Kapital als die Größe, aus der sich arbeitslose Einkünfte beziehen lassen: Kapitalrendite – Pikettys berühmtes r (siehe Weekly Piketty 2). Denn für eine Analyse der Verteilungsdynamik zählt zunächst nicht wie, sondern ob ein bestimmter Vermögenswert Rendite abwirft. Somit wäre es aus dieser Sicht fahrlässig, Immobilien oder Land aus der Analyse außen vor zu lassen.

Zwar eröffnet Piketty mit seiner weiten und vom Mainstream abweichenden Definition eine Angriffsfläche für Kritik, etwa was die von Piketty bezeichnete „historische Tendenz“ r>g betrifft. So hat FDP-Politiker und Ökonom Karl-Heinz Paqué Piketty vorgeworfen, er ignoriere simple Marktgesetze der Knappheit (kurioserweise schmeißt Paqué im selben Atemzug mit Karl Popper um sich: es gebe aus wissenschaftstheoretischen Gründen keine ehernen Gesetze). Regelmäßig übersieht dieser Strang der Kritik jedoch zugleich die Rolle unterschiedlicher Sparquoten in den verschiedenenen Einkommensgruppen – ein Faktor, der die von Piketty aufgezeigte Ungleichheitsdynamik wiederum verschärft (siehe Weekly Piketty 2 und dieser Beitrag).

Transformation und Wiederkehr

Piketty macht desweiteren deutlich, dass sich zwar die „Natur“ von Kapital im Laufe der Zeit verändert habe – aber nicht zwangsläufig seine „tiefere Struktur“:

The nature of capital was totally transformed [in Britain and France since the 18th century], but in the end its total amount relativ to income scarcely changed at all.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 140

Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Kapital in Prozent des Nationaleinkommens. Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Piketty zeigt auf, dass sich in Europa der Anteil von Agrarland im Verlauf der vorletzten Jahrhunderte stark reduzierte, während die Bedeutung von Immobilien, Industrie- und Finanzkapital insbesondere im Verlauf des 20. Jahrhundets rasant zugenommen hat. Zugleich stellt Piketty fest, dass der Bestand an Vermögen oder Kapital – gemessen an der jährlichen Produktion – mittlerweile wieder auf einen Stand ähnlich dem Ende des 19. Jahrhunderts angelangt ist (vgl. Abbildung mit Beispiel Großbritannien). In den USA ist das Verhältnis insgesamt etwas geringer und deutlich konstanter.

(…) [H]as the deep structure of capital really changed? Capital is never quiet: it is always risk-oriented and entrepreneurial, at least at its inception, yet it always tends to transform itself into rents as it accumulates in large enough amounts – that is its vocation, its logical destination.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), pp. 115-116

Und damit offenbart sich Piketty einmal mehr als ein vielleicht stillerer und konventionellerer, aber doch scharfsinniger Beobachter des Kapitalismus: Indem er das Spannungsverhältnis von Kapital beleuchtet als Mittel von Unternehmertum und ‚schöpferischer Zerstörung‘ wie als Quelle von leistungslosen Renten und demokratiebedrohlicher Konzentration von finanzieller Macht. Und Piketty zeigt auf, wohin, aus rein mechanischen Gründen, die Reise ohne politisches Gegensteuern zu gehen droht.


Bisherige Weekly Pikettys auf…

Weekly Piketty – verteilungsfrage.org

Zur Politik und Ökonomie der Ungleichheit

Weekly Piketty 1: Ungleichheit und deren Triebkräfte zurück in den Fokus der Ökonomen

Der „Weekly Piketty“ ist eine neue Serie im Blog verteilungsfrage.org. Jede Woche werden hier ein oder mehrere zentrale Thesen und Textstellen aus Thomas Pikettys Kapital im 21. Jahrhundert kurz diskutiert und in den Gesamtkontext des Buches eingeordnet. Das Buch erscheint … Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 04.10.2014

Weekly Piketty 2: Ungleichheitstriebfeder r>g als „zentraler Widerspruch des Kapitalismus“

Das Verhältnis zwischen Kapitalrendite und Wachstumsrate steht häufig im Zentrum der Debatte um Thomas Pikettys "Kapital im 21. Jahrhundert". Der zweite "Weekly Piketty" geht der Frage nach, was es mit dieser "Formel" auf sich hat, und warum sie am besten als rhetorischer Kniff verstanden werden sollte. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 12.10.2014

Weekly Piketty 3: Pikettys normativer und wissenschaftstheoretischer Standpunkt

Thomas Piketty ist ein konventioneller und unkonventioneller Ökonom zugleich. Es ist vielleicht auch dieses Spannungsverhältnis, das zu erklären hilft, warum er so einen großen Erfolg mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erzielen konnte. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 19.10.2014

Weekly Piketty 4: Pikettys Kapitalbegriff

Pikettys Kapitalbegriff - weder marxistisch noch neoklassisch - zielt auf die Analyse von Verteilungsdynamiken und wird somit synonym mit Vermögen gebraucht. Entscheidend ist, ob arbeitslose Einkünfte erzielt werden, die unter bestimmten Bedingungen die Ungleichheit massiv zu verschärfen drohen. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 26.10.2014

Weekly Piketty 5: Pikettys Beta – Vermögen und Einkommen im Verhältnis

Pikettys Ungleichheitsanalyse lässt sich auf zwei simple mathematische Formeln herunterbrechen, deren zentraler Bestandteil das sogenannte Kapital-Einkommens-Verhältnis Beta, darstellt. Der Beitrag erläutert was unter Beta zu verstehen ist, und warum Piketty damit einen formalen Analyserahmen der Ungleichheit bietet, nicht jedoch eine Theorie des Kapitalismus, des Wachstums oder der Ungleichheit. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 02.11.2014

Weekly Piketty 6: Über Wachstumsraten

In dieser Woche schauen wir Piketty zu bei seinen 'mathematischen Fingerübungen' mit Wachstumsraten und ergründen, warum diese scheinbaren Banalitäten übertragen auf ein paar ausgesuchte 'Eckpfeiler' eine hilfreiche Orientierung bieten können im Nachdenken über Vermögens- und Ungleichheitsentwicklungen über längere Zeitverläufe. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 09.11.2014

Weekly Piketty 7: Grenzen der Ungleichheitsrechtfertigung

Die Rechtfertigung von Ungleichheit ist bei Piketty nur am Rande Thema. Dabei verbergen sich in dem Buch einige interessante Überlegungen zu dieser Frage. Eine solche Überlegung, versteckt in einem Nebensatz, nehmen wir diese Woche in den Blick. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 16.11.2014

Weekly Piketty 8: Capital is never quiet – Metamorphosen, Wiederkehr und Kontinuität

Piketty beschreibt 'Metamorphosen' des Kapitals: Wie sich die Zusammensetzung der Vermögen eines Landes im Verlauf der letzten zwei bis drei Jahrhunderte verändert hat - und er stellt fest, dass sich das Verhältnis der Gesamtvermögen zum jährlichen Nationaleinkommen kaum verändert hat, bzw. zurück zu seinem schon vor zweihundert Jahren gekannten Niveau zurückentwickelt hat. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 23.11.2014

Weekly Piketty 9: Staatsschulden, öffentliche und private Vermögen

Welche Rolle spielen öffentliche Schulden und Vermögen in Pikettys Betrachtung der Gesamtvermögen? Piketty macht deutlich dass Staaten als Eigentümer in Westeuropa und Nordamerika von den Größenordnungen her eine realtiv unbedeutende Rolle spielen - wenn ist es eine interessante politökonomische Frage, wie sich öffentliche Schulden und Vermögen über die Zeit entwickeln. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 30.11.2014


Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.