Die Schere bei den Einkommen öffnet sich weiter

Neue Zahlen des DIW zeigen, dass trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt längst nicht alle von der insgesamt guten Einkommensentwicklung in Deutschland profitiert haben. Die Einkommen der einkommensschwächsten zehn Prozent lagen sogar im Jahr 2015 noch weit unterhalb der Realeinkommen von 1991.

Fünfundzwanzig Jahre Wirtschaftswachstum sind hier also nicht nur an einem Teil der Gesellschaft vorbeigegangen, sondern das Stück vom gewachsenen Kuchen für die ärmsten 10 Prozent ist sogar kleiner geworden als es damals schon war.

Das zeigen eindrücklich die neusten Zahlen zur Einkommensverteilung des Sozioökonomischen Panels (SOEP), die vergangene Woche veröffentlicht wurden:

Quelle: DIW 2018.

Hinweise zur Abbildung:

  • Die Abbildung zeigt, wie sich die verfügbaren Einkommen der Haushalte nach unterschiedlichen Gruppen entwickelt haben.
  • Das 1. Dezil stellt das durchschnittliche Einkommen der einkommensärmsten zehn Prozent der Haushalte dar, während das 10. Dezil das durchschnittliche Einkommen der einkommensreichsten zehn Prozent bezeichnet.
  • Die Werte sind auf das Basisjahr 1991 indexiert, die jeweiligen Linien zeigen also die prozentuale Veränderung gegenüber dem Basisjahr.
  • Wichtig: Schon im Basisjahr, für das bei allen Dezilen der Wert 100 beträgt, waren natürlich die Durchschnittswerte der jeweiligen Dezile unterschiedlich. Die Abbildung zeigt also, dass sich die Schere seitdem weiter geöffnet hat.

Seit 1991 haben sich die durchschnittlichen verfügbaren Einkommen der obersten zehn Prozent der Haushalte um 30 Prozent erhöht, während die Einkommen der untersten zehn Prozent heute sogar inflationsbereinigt unterhalb des Werts von 1991 liegen.

Reichste 10 Prozent haben sich entkoppelt

Insbesondere die Entkopplung der obersten zehn Prozent von den restlichen Einkommensgruppen der Haushalte wird in der Abbildung deutlich. Während sich auch innerhalb der anderen Einkommensgruppen eine Spreizung der Einkommen zeigt, ist besonders der gewachsene Abstand zwischen dem 10. Dezil und den übrigen Einkommensgruppen deutlich. Auch vom Einbruch nach der Finanzkrise haben sich die Spitzeneinkommen erholt.

Dabei gilt es zu beachten: Die Umfragedaten des SOEP untererfassen den Reichtum an der Spitze, weil die stark konzentrierten Top-Einkommen nicht ausreichend im Panel repräsentiert sind. Die tatsächliche Ungleichheit dürfte also noch größer sein als im SOEP erfasst.

Unterste Einkommen abgehängt

Entgegengesetzt dramatisch ist die schwache Entwicklung der untersten Einkommen, die 2015 real unter dem Niveau von 1991 lagen.

Wichtig für die Interpretation der Daten: die Gruppe der einkommensschwächsten zehn Prozent ist nicht unverändert dieselbe Personengruppe. Neben sozialer Mobilität verändert sich diese Gruppe auch durch Zuwanderung.

So schlägt laut den Autoren der DIW-Studie, Markus Grabka und Jan Goebel, die Zuwanderung Anfang der 1990er-Jahre durch Aussiedlerinnen und Aussiedler und seit 2007 die erneute Zunahme der Zuwanderung insbesondere in der Entwicklung des untersten Dezils zu Buche.

Neu zugezogene Migrantinnen und Migranten bräuchten Zeit, bis sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassten:

  • Die durchschnittlichen Einkommen von direkten Migrant/innen, die zwischen 1991 und 2000 nach Deutschland gekommen sind, lagen im Jahr 2015 20 Prozent unter dem Gesamtdurchschnitt in Deutschland.
  • Die Einkommen der nach 2011 nach Deutschland gekommenen Migrantinnen und Migranten lagen ganze 37% unter dem allgemeinen Durchschnitt.
  • Je länger die Ankunft in Deutschland zurückliegt, desto näher liegen die Einkommen heute tendenziell beim allgemeinen Durchschnitt:

Quelle: DIW 2018.

Darüber hinaus spielte zwischen 2000 und 2005 laut den Autoren der Studie der Anstieg der Arbeitslosigkeit eine maßgebliche Rolle für den Rückgang der Einkommen in des untersten Dezils. Entsprechend habe der Aufschwung nach 2005 zu einer Erholung geführt.

Zudem sei die Ausweitung des Niedriglohnsektors ein wichtiger Faktor für den schwache Entwicklung der unteren Einkommen in den letzten Jahren. Hinzu komme, dass Sozialleistungen nicht vollständig an die Inflation angepasst wurden und die Alterseinkommen sich schwach entwickelten.

Armutsrisikoquote bei Mietern fast verdoppelt

Eine weitere Spaltung vertieft sich in Deutschland entlang des Wohnstatus zwischen der Gruppe der Mieterinnen und Mieter und den Eigentümerinnen und Eigentümern.

  • Berücksichtigt man die Mietersparnis bei Haushalten, die in voll entschuldeten eigenen Immobilien wohnen, bei der Berechnung der Haushaltseinkommen, so zeigt sich, dass die Armutsrisikoquote bei Eigentümer/innen unter 5 Prozent konstant niedrig ist.
  • Bei Mieter/innen hingegen hat sich die Armutsrisikoquote von gut 15 Prozent im Jahr 1991 auf knapp 30 Prozent im Jahr 2015 fast verdoppelt.
  • Seit 2010 führe der Zuwachs der Mieten in weiten Teilen Deutschlands zu einem zusätzlichen Anstieg der Armutsrisikoquote.

Quelle: DIW 2018.

 

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