Weekly Piketty 9: Staatsschulden, öffentliche und private Vermögen

Cover PikettyWelche Rolle spielen öffentliche Schulden und Vermögen in Pikettys Betrachtung der Gesamtvermögen? Piketty macht deutlich, dass Staaten als Eigentümer in Westeuropa und Nordamerika von den Größenordnungen her eine realtiv unbedeutende Rolle spielen – wenn ist es eine interessante politökonomische Frage, wie sich öffentliche Schulden und Vermögen über die Zeit entwickeln.

Letzte Woche haben wir in groben Zügen nachvollzogen, wie sich die Zusammensetzung und der Umfang der Vermögen in Westeuropa und Nordamerika in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt haben. Dabei wurde zunächst jedoch nicht unterschieden, ob diese Vermögen eigentlich dem Privatsektor oder dem Staat gehören.

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Piketty geht auf diese Frage ein – und seine kurze Antwort ist: der Staat als Eigentümer spielt keine wichtige Rolle bei der Betrachtung der Vermögen. Dem ist jedoch nicht so, weil Staaten vermeintlich so verschuldet seien. Im Gegenteil: Piketty zeigt für die Länder Großbritannien und Frankreich, dass die öffentlichen Vermögen und die öffentlichen Schulden einander in den vergangenen dreihundert Jahren immer mehr oder weniger ausgeglichen haben, mal mit Nettoschulden, mal mit Nettovermögen. Aber im Vergleich zu den umfangreichen privaten Vermögen mache der Posten der öffentlichen Hand nur einen geringen Teil aus.

To a first approximation, public assets and liabilities, and a forteriori the difference between the two, have generally represented very limited amounts compared with the enormous mass of private wealth. In both countries [France and Britain], net public wealth over the past three centureies has sometimtes been positive, somtetimtes negative. But the oscillations (…) have all in all been limited in amplitude compared to the high levels of private wealth (…).
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 126

Piketty macht einige wichtige Anmerkungen dazu:

  • Die Betrachtung der Gesamtvermögen und die im letzten Weekly Piketty diskutierten „Metamorphosen“ ihrer Zusammensetzung (also ob es sich um Agrarland, Immobilien oder Industriekapital handelt) sind unberührt von der Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Vermögen. Diese Unterscheidung ist wenn eher aus einer polit-ökonomischen Perspektive interessant.
  • Häufig wird davon ausgegangen dass Staaten lediglich verschuldet seien. Dieses Bild rückt Piketty gerade: Staaten besitzen immer auch Vermögen, seien es Gebäude (insbesondere im Bildungs- und Gesundheitssektor), Infrastruktur (z.B. Schienennetze und Brücken) oder finanzielle Vermögen wie Unternehmensanteile. Die Nettoposition war dann historisch mal positiv (also mehr Vermögen als Schulden) und mal negativ (also Nettoschulden).
  • Piketty weist darauf hin, dass die diskutierten Größenordnungen öffentlicher Vermögen natürlich nicht auf alle Länder und deren Wirtschaftsgeschichte verallgemeinerbar sind. Sie sind typisch sind für Länder, deren Wirtschaftsordnung privaten Eigentumsrechten eine zentrale Rolle einräumt – anders also als in kommunistischen Systemen, in denen staatliche Vermögen einen Großteil der Vermögen ausmachen konnten.

In den hier betrachteten Ländern jedoch, insbesondere in Westeuropa, bewegten sich die gesamten Vermögen, wie im letzten Weekly Piketty gesehen, typischerweise im Bereich des etwa sechsfachen des jährlichen Nationaleinkommens. Die Nettoschulden bzw. –vermögen des Staates lagen dagegen eher im Bereich um 50 bis 100 Prozent des jährlichen Nationaleinkommens.

Im Jahr 2012 lagen beispielsweise in Frankreich lagen die öffentlichen Nettovermögen mit 31 Prozent des Nationaleinkommens (verglichen mit 574 Prozent privaten Nettovermögen) bei etwa fünf Prozent der gesamten Vermögen Frankreichs. Auch zu anderen Zeiten habe dieser Anteil, so Piketty, kaum 10 % überstiegen.

Die folgende Abbildung illustriert die Entwicklung der französischen Vermögen, privat, öffentlich und bedies zusammen:

Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Kapital in Prozent des Nationaleinkommens. Quelle: Thomas Piketty (.xlsx-Datei)

Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Einordnung geht Piketty dann näher auf die Geschichte der öffentlichen Schulden und Vermögen in Frankreich und Großbritannien der letzten 300 Jahre ein.

Eine Reihe interessanter Punkte macht er dabei:

  • Ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der staatlichen Verschuldung waren Kriege. Typischerweise finanzierten weder Frankreich noch Großbritannien ihre zahlreichen Kriege ausschließlich aus Steuereinnahmen
  • Ein wichtiger Unterschied zwischen Frankreich und Großbritannien zeigt sich in der Geschichte des Schuldenabbaus: Während Großbritannien teils über Jahrzehnte, ja nach dem Unabhängigkeitskrieg in Nordamerika gar über ein Jahrhundert, jährliche Haushaltsüberschüsse erzielte, um davon die Schulden abzubauen (mit höheren Beträgen als es für Bildung ausgab), reduzierte Frankreich mehrfach seine Staatsschuld in kurzer Zeit durch Inflation, Schuldenschnitte und Steuererhöhungen (z.B. in den 1790er Jahren aber auch nach dem zweiten Weltkrieg)
  • Eine wichtige Veränderung im 20. Jahrhundert sieht Piketty darin dass staatliche Schuldentitel im 19. Jahrhundert ein gutes Geschäft waren, „handsomley reimbursed“ und zu verhältnismäßig stabilen Preisen. Im 20. Jahrhundert hingegen entwertete Inflation Schulden zunächst in regelmäßigen Abständen bevor sie seit den 1980er Jahren wieder niedrigere Raten erreichte
  • Piketty warnt davor, Inflation als „progressives“ Mittel der Umverteilung zu betrachten: zum Einen seien Eigentümer von Staatsanleihen nicht immer die Wohlhabendsten, zum anderen könne dieser Mechanismus nicht dauerhaft funktionieren, weil sonst Erwartungen die Entwertung durch Inflation einpreisen würden
  • Auch wenn Piketty David Ricardos Diagnose für dessen Beobachtungen zu Lebzeiten als plausibel erachtet (steigende öffentliche Schulden hätten keinen Effekt auf die Entwicklung des Kapitalstocks eines Landes), äußert er sich skeptisch bezüglich der sogenannten modernen Interpretation der „Ricardianischen Äquivalenz“:

[By] totally avoiding the issue of inequality in the distribution of wealth and income, these models often lead to extreme and unrealistic conclusions and are therefore a source of confusion rather than clarity. In the case of public debt, representative agent models can lead to the conclusion that government debt is completely neutral, in regard not only to the total amount of national capital but also to the distribution of the fiscal burden. This radical reinterpretation of Ricardian equivalence (…) fails to take account of the fact that the bulk of public debt is in practice owned by a minority of the population (…) so that the debt is the vehicle of important internal redistributions when it is repaid as well as when it is not.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 135

  • Schließlich betont Piketty bezüglich der öffentlichen Vermögen, dass deren Entwicklung vor allem die sich wandelnde ökonomische Rolle des Staates spiegele: mit einem massiven Ausbau öffentlicher Dienstleistungen in den Bereichen Bildung und Gesundheit, und Investitionen in Kommunikations- und Transportinfrastruktur, mit einer deutlich ausgeprägteren Rolle des Staates in Frankreich als in Großbritannien
  • Darüber hinaus jedoch hätten Staaten jedoch auch in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg vor allem auch mit Verstaatlichungen größere Vermögen im Finanz- und Industriesektor aufgebaut, die erst mit einer Privatisierungswelle ab den 1980er Jahren wieder reduziert wurden

Im nächsten Weekly Piketty geht es um die Rolle der Auslandsvermögen.


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