Einen Schwenk finden wo keiner ist – neuer Angriff auf Piketty

Man schreibe ein Buch zu einem unbequemen Thema. Man schreibe ein differenziertes Buch. Man fordere politisch brisante Reformen. Dieses Buch wird verrissen und vielfach verzerrt in der Öffentlichkeit diskutiert. Man bemühe sich um Richtigstellung und wiederhole einen Punkt, den man die ganze Zeit macht, betont ihn aber noch mehr, um denen zu begegnen, die das eigene Argument falsch wiedergeben. Geschafft: Man hat in den Augen der Kritiker einen Schwenk vollzogen, ohne ihn je vollzogen zu haben.

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So ähnlich spielt sich neuerdings ein weiterer Akt im Drama „Piketty-Rezeption in Deutschland“ ab. Zugegeben: Ich spitze ein wenig zu. Übrigens glaube ich überhaupt nicht an eine große Verschwörung gegen Thomas Piketty. Auch glaube ich nicht, dass Piketty in allem Recht hat – keineswegs. Aber ich staune seit einem Jahr darüber, wie ein brandaktuelles, lehrreiches und innerhalb der VWL sehr innovatives Buch insbesondere in Deutschland völlig verrissen wird.

Spricht sich Piketty die Aktualität ab?
Worum geht es diesmal? Im Wirtschaftsblog der FAZ und in der heutigen Printausgabe schreibt Patrick Bernau, ein junger Wirtschaftsredakteur, der viel zu Entwicklungen in der ökonomischen Forschung veröffentlicht, einen an einem neuen Paper von Piketty aufgehängten Beitrag. Titel: „Piketty spricht sich die Aktualität ab“.

FAZ 11. März 2015, S. 17.

FAZ 11. März 2015, S. 17.

Bernau schreibt:

Solange die Zinsen größer sind als das Wirtschaftswachstum („r>g“), wüchsen die Vermögen der Reichen schneller als die der Armen. Und das sei historisch meistens der Fall gewesen. (…) Rund um die Welt wurde das Buch zur Bibel der Linken. (…) Doch jetzt widerspricht Piketty seinen Anhängern. Er bestreitet, dass seine Kernformel so aktuell sei, wie sie gemacht wird.
Fazit-Blog, 10.3.2015

Bernau bezieht sich auf ein Paper in der American Economic Review (AER), das demnächst erscheinen wird. Piketty verschriftlicht dort einen Vortrag, den er auf der Jahrestagung der AER im Januar gehalten hat. Was schreibt Piketty in dem Paper (PDF)?

(…) the way in which I perceive the relationship between r > g and inequality is often not well captured in the discussion that has surrounded my book. For example, I do not view r > g as the only or even the primary tool for considering changes in income and wealth in the twentieth century, or for forecasting the path of inequality in the twenty-first century.
Thomas Piketty, AER 2015

Bernau interpretiert diesen Satz folgendermaßen: Piketty und seine Anhänger hätten bislang r>g immer als zentrale Erklärung der Vermögensungleichheit dargestellt. Nun ziehe Piketty dies für das 20. und 21. Jahrhundert zurück, so Bernau:

Das [- die gesunkene Vermögensungleichheit im 20. Jahrhundert -, JB] allerdings führte er noch auf der Jahrestagung der amerikanischen Ökonomenvereinigung AEA im Januar auf eine „sehr ungewöhnliche Kombination von Ereignissen im 20. Jahrhundert“ zurück (die Diskussion im Video).
Fazit-Blog, 10.3.2015

Piketty habe nun in der Verschriftlichung seines Vortrags jene Bemerkungen ergänzt, die die Erklärungskraft der Verteilungsergebnisse bei den Vermögen von r>g relativierten – und er betone zusätzlich, dass alle Prognosen für die Zukunft im 21. Jahrhundert unter großer Unsicherheit stünden.

Bernau tut so, als sei dies eine Neuigkeit, die er in einem investigativen Kunststück in Pikettys Texten zwischen den Zeilen herausgelesen habe: „Ein Schwenk in Pikettys Argumentation“.

Fehlrezeption trifft sich selbst
Ich habe mir gestern die Augen gerieben als ich das las. Denn ich habe Piketty schon immer so verstanden: Piketty beschreibt, rhetorisch zugespitzt mit dem Ausdruck r>g, eine fundamentale Ungleichheitsmechanik. Aber zentraler Punkt in seinem Buch ist, dass die Entwicklung der Ungleichheit zutiefst politisch und institutionell geprägt ist – siehe 20. Jahrhundert. Dies, so betont er an allen Ecken und Enden, im Buch und in seinen Vorträgen, sei letztlich der entscheidende Faktor, ob die Ungleichheitsmechanik des r-g-Verhältnisses zum Tragen komme. Es ist auch – nur so macht Pikettys Buch samt politischen Handlungsempfehlungen überhaupt erst Sinn – eine ganz zentrale Story in seinem Buch. Um dieses Missverständnis drehte sich übrigens schon eine Debatte mit Peter Bofinger im vergangenen Jahr.

War ich Piketty also voraus?? Er vollzieht endlich den Schwenk in seiner Meinung übers eigene Buch, das ich all die Zeit schon so verstanden habe? Unfug. Vielmehr habe ich bloß eines geleistet: Ich habe mich schlicht nicht auf die deutsche Piketty-Rezeption verlassen, die Bernau und Kollegen von der FAZ im vergangenen Jahr mitgeprägt haben, sondern auf das Buch und Pikettys zahlreiche Vorträge selbst, sowie die international in Teilen deutlich differenziertere Debatte.

Kleines Twittermezzo
Entsprechend konnte ich mir gestern folgenden Tweet an Patrick Bernau nicht verkneifen:

Bernaus Antwort kann nicht wirklich überzeugen:

Warum tauchen die Bemerkungen in Pikettys Vortrag auf der Ökonomen-Jahrestagung im Januar nicht auf – wie Bernau behauptet? Erstens ist der dortige Vortrag Pikettys vor Kollegen aus der eigenen Zunft viel kürzer als dessen Verschriftlichung – und natürlich fokussiert man sich vor Fachkollegen auf die technischen Aspekte.

Außerdem: Piketty steigt in dem Vortrag mit drei stilisierten Fakten zur Ungleichheitsentwicklung ein, unter anderem auch zur Vermögensungleichheit im 20. Jahrhundert. Natürlich ist hier die ganze Zeit implizit klar, dass – wie Piketty in seinem Buch auch überall schreibt und in seinen Vorträgen, die mir bekannt sind, erwähnt – die Erklärungen für den vorrübergehenden Rückgang der Vermögensungleichheit im 20. Jahrhundert natürlich politisch und institutionell sind (u.a. Kriege und hohe Besteuerung). Also: nichts Neues.

Wer das Buch kennt, den dürfte all das nicht überraschen
Um das zu unterstreichen, habe ich hier auf die Schnelle ein paar Zitate aus Pikettys Einleitung zu Kapital im 21. Jahrhundert zusammengesucht:

The first [major conclusion] is that one should be wary of any economic determinism in regard to inequalities of wealth and income. The history of distribution of wealth has always been deeply political, and it cannot be reduced to purely economic mechanisms. In particular, the reduction of inequality that took place in most developed countries between 1910 and 1950 was above all a consequence of war and of policies adopted to cope with the shocks of war.
Thomas Piketty 2014, Capital in the 21st Century, p. 20

When the rate of return on capital significantly exceeds the growth rate of the economy (as it did through much of history until the nineteenth century and as is likely to be the case again in the twenty-first century), then it logically follows that inherited wealth grows faster than output and income. People with inherited wealth need save only a portion of their income from capital to see that capital grow more quickly than the economy as a whole. (…) Forces of convergence also exist (…). It is possible to imagine public institutions and policies that would counter the effects of this implacable logic: for instance, a progressive global tax on capital.
Thomas Piketty 2014, Capital in the 21st Century, p. 26/27

(…) the history of income and wealth is always deeply political, chaotic, and unpredictable. How this history play out depends on how societies view inequalities and what kinds of policies and institutions they adopt to measure and transform them. No one can foresee how these things will change in the decades to come.
Thomas Piketty 2014, Capital in the 21st Century, p. 35

Piketty stellt r>g nicht als alleinigen und zentralen Erklärungsfaktor dar. Eine Neuigkeit? Piketty betont Unsicherheit für Zukunft. Ein Schwenk?

„Mhm…“ fällt mir angesichts dieser Zitate nur ein.

Auf Anfrage bestätigt Piketty, dass er keineswegs einen Schwenk vollzogen habe
Ich habe übrigens auch Piketty selbst per E-Mail gefragt: Ob er mit jenem Satz einen Schwenk vollzogen habe, oder ob es nicht vielmehr so sei, dass genau dies immer zentral an seiner Erzählung gewesen sei, dass es zwar den grundlegenden r-g-Mechanismus einer Ungleichheitstriebraft gebe – letztlich jedoch Faktoren wie politische Weichenstellungen, Institutionen, demographische Entwicklung usw. entscheiden würden, inwiefern die Ungleichheitsmechanik zum Tragen komme. Piketty bestätigte mir, ich habe vollkommen Recht. Da gebe es keinen Schwenk. Sein AER-Paper sei nicht mehr als eine Leseanleitung zu seinem Buch. Wer nicht lesen könne, dem könne er leider auch nicht helfen.

Piketty delegitimieren wo es geht
Doch die Botschaft des FAZ-Artikels verfängt – wie nicht anders zu erwarten. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall (Hauptfinancier der wirtschaftsliberalen INSM) beispielsweise twittert:

Und überhaupt überrascht das Timing des Artikels nicht: Anlass dürfte weniger die vermeintliche Neuigkeit von Pikettys angeblichem Schwenk sein, denn der Tag der Veröffentlichung von Pikettys Interventionen zur Eurokrise.

Piketty als Intellektuellen-Ökonom passt nicht jedem
Piketty, ganz dem Ideal des französischen Intellektuellen entsprechend, veröffentlichte gestern in Deutschland ein Buch mit Beiträgen zur Debatte um Europa und die Eurokrise. Ein anlässlich dessen veröffentlichtes Interview gibt einen Eindruck:

Die Überschrift, mit der die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bereits am Wochenende einen Artikel über Pikettys neues Buch, einordnet spricht Bände: „Die Piketty-Masche“. Mich wundert bei der FAZ-Wirtschaftsredaktion und deren ordoliberalem Weltbild nichts mehr – erst recht nicht, wenn sie sich weiter bemühen, einen der spannendsten Ökonomen-Intellektuellen Europas zu delegitimieren.

Weiterlesen: Die Nebelkerze brennt – wie sich die Scheindebatte verbreitet (12.3.2015) →

Nachtrag (19.3.2015): Norbert Häring vom Handelsblatt hat diese Geschichte in der Print-Ausgabe vom 16.3. auf S. 13 aufgegriffen (Paywall) und über die Kritik an der Scheindebatte der FAZ berichtet. Darin wird auch Verteilungsfrage.org erwähnt und Pikettys Reaktion auf die Unterstellung zitiert.

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