Weekly Piketty 2: Ungleichheitstriebfeder r>g als „zentraler Widerspruch des Kapitalismus“

Das Verhältnis zwischen Kapitalrendite und Wachstumsrate steht häufig im Zentrum der Debatte um Thomas Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“. Der zweite „Weekly Piketty“ geht der Frage nach, was es mit dieser „Formel“ auf sich hat, und warum sie am besten als rhetorischer Kniff verstanden werden sollte.

In der vergangenen Woche haben wir gesehen, dass Thomas Piketty sein Werk in das Nachdenken von Ökonomen über langfristige Entwicklungen der Ungleichheit einordnet. Er knüpft an einer Tradition „politischer Ökonomie“ an, die im 19. Jahrhundert eine prominente Rolle spielte und die im zwanzigsten Jahrhundert – ähnlich wie die Zuspitzung von Ungleichheit – vorübergehend in den Hintergrund rückte. Piketty steht nun jedoch ein deutlich reichhaltigeres Datenwerk zur Verfügung, welches eine starke Zunahme der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten dokumentiert – Ergebnis einer langjährigen Forschungsleistung von ihm und anderen.

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In seiner Analyse der Faktoren, die zur Zu- oder Abnahme der Ungleichheit führen, macht Piketty einen zentralen Zusammenhang aus, der signalisieren soll, in welche Richtung die Verteilungsentwicklung unterm Strich gepolt ist: auf Divergenz (also zunehmende Ungleichheit) oder auf Konvergenz. Dieser Zusammenhang ist das Verhältnis zwischen Kapitalrendite r und der Wachstumsrate g.

Piketty argumentiert ausführlich – worauf in späteren Folgen dieser Serie noch näher eingegangen wird – warum es plausibel erscheint, anzunehmen, dass in Zukunft – wie in den meisten Phasen der bisherigen Wirtschaftsgeschichte – die Kapitalrendite größer sein wird als das Wirtschaftswachstum, kurz: r>g. Damit, so Piketty, stünden alle Zeichen auf Divergenz – sofern nicht politisch gegengesteuert wird.

In der Einleitung fasst es Piketty so zusammen:

When the rate of return on capital significantly exceeds the growth of the economy (as it did through much of history until the nineteenth century and as is likely to be the case again in the twenty-first century), then it logically follows that inherited wealth grows faster than output and income. People with inherited wealth need save only a portion of their income from capital to see that capital grow more quickly than the economy as a whole.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 26

Die Logik ist so einfach wie bestechend: Wenn die gesamtwirtschaftlichen Vermögen schneller wachsen als das jährliche Nationaleinkommen, dann nimmt – gesetzt eine bereits bestehende Ungleichheit der Vermögen – auch die Vermögensungleichheit zu.

Manche Kritiker haben Piketty diese Aussage so im Mund herum gedreht, dass sie ihnen damit einen logischen Widerspruch nachzuweisen glauben. Piketty sagt ja, es „folge logisch“, dass die leistungslos ererbten Vermögen schneller wüchsen als das Nationaleinkommen – also die jährliche Wertschöpfung. Dies folgt aus r>g streng genommen nur dann zwangsläufig, wenn die gesamten Kapitaleinkommen gespart werden – also zum bisherigen Vermögensbestand hinzugefügt werden und nicht konsumiert werden.

Die Kritiker schießen jedoch über das Ziel hinaus mit diesem Detail die gesamte Plausibilität des Arguments entkräften zu wollen. Denn die entscheidende Frage ist, ob die von Piketty aufgezeigte Dynamik unter typischen Bedingungen weiterhin gilt. Dafür ist es wichtig, wie groß der Abstand zwischen Kapitalrendite und Wachstumsrate liegt, wie ausgeprägt die Vermögensungleichheit bereits ist, und – sehr wichtig – wie sich die Sparquoten genau verhalten. Typischerweise sparen nämlich Reiche einen vergleichsweise hohen Teil ihres Einkommens. Eine Simulation, wie sich die verschiedenen Parameter verhalten, wurde in diesem Beitrag auf Verteilungsfrage.org bereits ausführlich diskutiert.

Wenn man Piketty genau liest, berücksichtigt er dies auch: So sagt er im obigen Zitat ja genau, dass eine Ungleichheitszunahme folge, wenn die Kapitalrendite die Wachstumsrate „signifikant“ überschreite, und er sagt auch, dass die Vermögenden „nur einen Teil ihres Einkommens“ sparen müssten. Man sollte daher r>g nicht zu wörtlich nehmen und es eher als ein rhetorisches Mittel betrachten.

Als solches jedoch nutzt es Piketty gekonnt und wagt damit, wie Till van Treeck hier aufzeigt, geradezu eine Provokation der orthodoxen Wirtschaftswissenschaften, für die r>g eine Selbstverständlichkeit sei, da dies nur besage, dass das Zurückstellen von Ungeduld (=Sparen) eben belohnt werden müsse. Was die orthodoxen Ökonomen dabei übersähen: dass Sparverhalten nicht nur aus Zeitpräferenzen sondern vor allem auch aus der (relativen) Einkommens- und Vermögensposition heraus zu erklären sei. Letztere wird in den Modellen mit „repräsentativen Agenten“ (vgl. Weekly Piketty 1) jedoch gar nicht berücksichtigt.

Was für die einen eine Selbstverständlichkeit ist, nennt Piketty daher auf der Basis seiner Analyse einen „zentralen Widerspruch des Kapitalismus“. In seinen markanten Worten im Schlusswort:

The inequality r>g implies that wealth accumulated in the past grows more rapidly than output and wages. This inequality expresses a fundamental logical contradiction. The entrepreneur inevitably tends to become a rentier, more and more dominant over those who own nothing but their labor. Once constituted, capital reproduces itself faster than output increases. The past devours the future.

Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 571

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Nächste Woche geht es im Weekly Piketty um seinen normativen und wissenschaftstheoretischen Standpunkt.


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