Weekly Piketty 3: Pikettys normativer und wissenschaftstheoretischer Standpunkt

Cover PikettyThomas Piketty ist ein konventioneller und unkonventioneller Ökonom zugleich. Es ist vielleicht auch dieses Spannungsverhältnis, das zu erklären hilft, warum er so einen großen Erfolg mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erzielen konnte.

In den bisherigen Weekly Pikettys wurde das dem Buch zugrundeliegende Forschungsvorhaben einer langfristigen, empirisch fundierten Analyse der historischen Ungleichheitsentwicklung und sein zentraler Befund einer starken Ungleichheitstriebkraft diskutiert. Diese Woche treten wir gemeinsam mit Piketty einen Schritt zurück und schauen uns seinen normativen und wissenschaftstheoretischen Standpunkt an.

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In gewisser Weise ist Piketty ein sehr konventioneller Ökonom. Er fundiert seine Arbeit empirisch und nutzt wichtige Analyserahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) sowie der neoklassischen Wachstumstheorie. Manchen geht Piketty daher auch nicht weit genug in seiner – unterm Strich – dennoch recht kritischen Betrachtung des Kapitalismus von gestern, heute, und möglicherweise – wenn die Weichen so gestellt bleiben – morgen.

Piketty macht auch deutlich, dass er eine marktwirtschaftliche Ordnung nicht per se problematisch findet: „I have no interest in denouncing inequality or capitalism per se (…).“ Ähnlich äußerte er sich in einem FAZ-Interview: „Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft. (…) Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine Grundlage unserer Freiheit darstellt.“

Aber – und hier unterscheidet er sich doch fundamental von vielen Mainstream-Ökonomen – er gibt unumwunden zu, dass er überhaupt einen normativen Standpunkt hat:

By contrast, I am interested in contributing, however modestly, to the debate about the best way to organize society and the most appropriate institutions and policies to achieve a just social order. Furthermore, I would like to see justice achieved effectively and efficiently under the rule of law, which should apply equally to all and derive from universally understood statutes subject to democratic order.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 31

Auch wenn er damit fast etwas naiv klingen mag – man sollte sich klar machen, dass eine solche Ehrlichkeit von den allermeisten Ökonomen schlicht durch lautes Schweigen zu diesen Fragen umgangen wird: Viele suggerieren, ihre Arbeit wäre rein ‚wissenschaftlich‘, völlig wertneutral: Politiker oder Wähler müssten politische Zielvorgaben normativ klären, Ökonomen forschten dann lediglich nach den ‚optimalen‘ Mitteln und Wegen. Es ist natürlich ein großer Methodenstreit, ob solch ein Anspruch einzulösen ist oder ob er nicht vielmehr eine Illusion ist. Dennoch: Die meisten Ökonomen bewahren sich in dieser Frage anders als Piketty eine Aura der vermeintlichen Seriösität, indem sie sich zu solchen Äußerungen gar nicht erst hinreißen lassen.

Piketty macht sich darüber hinaus nicht unbedingt Freunde mit seinen Bemerkungen zur Ökonomenzunft. Er bemängelt die „kindliche Leidenschaft für Mathematik“ und eine oft „hoch-ideologische Spekulation auf Kosten historischer Forschung und der Zusammenarbeit mit den übrigen Sozialwissenschaften“:

This obsession with mathematics is an easy way of acquiring the appearance of scientificity without having to answer the far more complex questions posed by the world we live in.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 32

Und:

In fact, those methods rely on an immoderate use of mathematical models, which are frequently no more than an excuse for occupying the terrain and masking the vacuity of the content.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 574

Und Piketty ist jemand, der weiß wovon er redet: Er beherrscht nicht nur sein Handwerk in der Zusammenstellung historischer Zeitreihen (und zwar offenkundig besser als seine Kritiker von der Financial Times). Auch die in der Disziplin hochgeschätzten Veröffentlichungen in sogenannten „A+ Journals“ kann er allzu zahlreich vorweisen. Mit 22 war er bereits promoviert und fand in den USA Anerkennung für seine technischen Fähigkeiten. Am Ende zog es ihn jedoch, wie er selbst in der Einleitung schreibt, zurück nach Frankreich, weil er dort eine realitätsnähere Wirtschaftswissenschaft zu finden glaubte.

Doch er bedauert die Entwicklungsrichtung der Volkswirtschaftslehre der vergangenen Jahrzehnte hin zu einer Pseudo-Naturwissenschaft:

The truth is that economics should never have sought to divorce itself from the other social sciences and can advance only in conjunction with them. The social sciences collectively know too little to waste time on foolish disciplinary squabbles.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), pp. 32/33

Es sei “fürchterlich arrogant”, sich überhaupt “science” zu nennen – ein Begriff der suggeriere, es handele sich um eine exakte Wissenschaft wie die Physik und Mathematik. Und so vertritt Piketty auch die Meinung dass gerade nicht nur Ökonomen oder Wissenschaftler allgemein diejenigen wären, die allein dazu befähigt seien, gesellschaftliche Zukunftsfragen zu durchdenken und an öffentlichen Debatten darüber teilzunehmen. Sie erfüllten eine wichtige Aufgabe, indem sie zur öffentlichen Aufklärung beitrügen. Aber am Ende wären alle Bürgerinnen und Bürger gefragt, ihren Standpunkt in den demokratischen Prozess einzubringen:

It is illusory, I believe, to think that the scholar and the citizen live in separate moral universes, the former concerned with means, the latter with ends.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 574

Vor allem, so Piketty, sei dies auch gefährlich und läge nicht im Interesse der schlechter gestellten Teile der Gesellschaft. Es sei in ihrem ureigensten Interesse, Verteilungsfragen wieder in den Mittelpunkt ökonomischen Denkens und gesellschaftlicher Debatten zu rücken, wie es in den letzten Sätzen des Buchs heißt:

Those who have a lot of it [money] never fail to defend their interests. Refusing to deal with numbers rarely serves the interests of the least well-off.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 577

Es mag sein, dass es genau diese Mischung ist, die Pikettys Erfolg zu erklären hilft: Er ist einerseits methodisch konventionell und anknüpfungsfähig am ökonomischen Mainstream. Und zugleich thematisiert er mit der Verteilungsfrage eine brennende Frage unserer Zeit – und er scheut dabei nicht davor zurück, hier klar Position zu beziehen.

Nächste Woche geht es um Pikettys Kapitalbegriff. Wie genau definiert er Kapital? Und gibt es einen Unterschied zu Vermögen?


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