Weekly Piketty 1: Ungleichheit und deren Triebkräfte zurück in den Fokus der Ökonomen

Der „Weekly Piketty“ ist eine neue Serie im Blog verteilungsfrage.org. Jede Woche werden hier ein oder mehrere zentrale Thesen und Textstellen aus Thomas Pikettys Kapital im 21. Jahrhundert kurz diskutiert und in den Gesamtkontext des Buches eingeordnet. Das Buch erscheint am 7.10. im Verlag C.H. Beck auf Deutsch. Bei Vorliegen der deutschen Übersetzung werden die Zitate fortan auch in Deutscher Übersetzung angezeigt.

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Die ersten Zitate der Serie „Weekly Piketty“ finden sich in der Einleitung von Thomas Pikettys Kapital im 21. Jahrhundert. Piketty ordnet sein Werk in die Geschichte des ökonomischen Nachdenkens über Ungleichheit ein: von Thomas Malthus über David Ricardo, Karl Marx bis hin zu Simon Kuznets. Während die Ökonomen des 19. Jahrhunderts Verteilungsfragen eine zentrale Rolle eingeräumt hätten, wären moderne Ökonomen auf dem Ungleichheitsauge blind:

For far too long, economists have neglected the distribution of wealth, partly bcause of Kuznets’s optimistic conclusions and partly because of the profession’s undue enthusiasm for simplistic mathematical models based on so-called representative agents.

Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 16

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Simon Kuznets zentrale These in den 1950er Jahren war gewesen, dass Ungleichheit im typischen Entwicklungsverlauf eines Landes einer Glockenkurve gleiche: Sie nehme mit der wirtschafltichen Entwicklung vorübergehend zu – sozusagen als notwendiges Übel industrieller Entwicklung – und falle mit höherem wirtschaftlichem Entwicklungsniveau wieder ab. Die sogenannte „Kuznets curve.“

Piketty stellt seine Forschungsarbeit in eine Linie mit Kuznets – wonach er anhand weiterreichender und ausgefeilterer Daten aktualisierte und empirisch besser fundierte Aussagen über historische Ungleichheitsentwicklungen treffen könne, an denen sich Kuznet seinerzeit auch versucht hatte. Piketty grenzt sich zugleich deutlich von jeglichem Determinismus ab – die zukünftige Entwicklung müsse immer grundsätzlich als offen betrachtet werden:

What are the major conclusions to which these novel historical sources have led me? The first is that one should be wary of any economic determinism in regard to inequalities of wealth and income. The history of the distribution of wealth has always been deeply political, and it cannot be reduced to purely economic mechanisms. (…) The history of inequality is shaped by the way economic, social, and political actors view what is just and what is not, as well as by the relative power of those actors and the collective choices that result. It is the joint product of all relevant actors combined.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 20

Damit positioniert sich Piketty als ein Ökonom im besten Sinne, der Ökonomie nicht im luftleeren Raum begreift, sondern sie als institutionell verankert versteht. Es ist daher grotesk, dass ihm regelmäßig unterstellt wird, er postuliere „eherne Gesetze“. Nichts läge ihm ferner. Statt dessen arbeitet er – genau unter der Prämisse, dass zukünftige Entwicklung offen ist und von vielen Faktoren, insbesondere politischen Entscheidungen, abhängt – Triebkräfte der Verteilungsentwicklung heraus:

The second conclusion, which is the heart of the book, is that the dynamics of wealth distribution reveal powerful mechanisms pushing alternately toward convergence and divergence. Furthermore there is no natural, spontaneous process to prevent destabilizing, inegalitarian forces from prevailing permanently.
Thomas Piketty, Capital in the 21st Century (2014), p. 21

Darin also lässt sich Piketty Unterfangen vielleicht zusammenfassen: Er arbeitet zentrale Triebkräfte heraus, die zu einer Zunahme oder Abnahme der Ungleichheit führen und er untersucht die Faktoren, welche bestimmen, welche der Triebkräfte dominieren. Mit diesem Vorgehen weist er die Prämisse zurück, die von Kuznets bis hin zu vielen modernen Ökonomen angenommen wird, nämlich dass sich Verteilungsfragen schon irgendwie einschaukeln und Gesellschaften ohne politisches Zutun zurück zu einem Gleichgewicht geringerer Ungleichheit tendieren.

Nächste Woche im „Weekly Piketty“: Die zentrale Ungleichheitstriebkraft ‚r>g‚ und warum sie Grund zur Sorge geben sollte


Bisherige Weekly Pikettys auf…

Weekly Piketty – verteilungsfrage.org

Zur Politik und Ökonomie der Ungleichheit

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Autor/in: Julian Bank | Datum: 04.10.2014

Weekly Piketty 2: Ungleichheitstriebfeder r>g als „zentraler Widerspruch des Kapitalismus“

Das Verhältnis zwischen Kapitalrendite und Wachstumsrate steht häufig im Zentrum der Debatte um Thomas Pikettys "Kapital im 21. Jahrhundert". Der zweite "Weekly Piketty" geht der Frage nach, was es mit dieser "Formel" auf sich hat, und warum sie am besten als rhetorischer Kniff verstanden werden sollte. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 12.10.2014

Weekly Piketty 3: Pikettys normativer und wissenschaftstheoretischer Standpunkt

Thomas Piketty ist ein konventioneller und unkonventioneller Ökonom zugleich. Es ist vielleicht auch dieses Spannungsverhältnis, das zu erklären hilft, warum er so einen großen Erfolg mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erzielen konnte. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 19.10.2014

Weekly Piketty 4: Pikettys Kapitalbegriff

Pikettys Kapitalbegriff - weder marxistisch noch neoklassisch - zielt auf die Analyse von Verteilungsdynamiken und wird somit synonym mit Vermögen gebraucht. Entscheidend ist, ob arbeitslose Einkünfte erzielt werden, die unter bestimmten Bedingungen die Ungleichheit massiv zu verschärfen drohen. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 26.10.2014

Weekly Piketty 5: Pikettys Beta – Vermögen und Einkommen im Verhältnis

Pikettys Ungleichheitsanalyse lässt sich auf zwei simple mathematische Formeln herunterbrechen, deren zentraler Bestandteil das sogenannte Kapital-Einkommens-Verhältnis Beta, darstellt. Der Beitrag erläutert was unter Beta zu verstehen ist, und warum Piketty damit einen formalen Analyserahmen der Ungleichheit bietet, nicht jedoch eine Theorie des Kapitalismus, des Wachstums oder der Ungleichheit. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 02.11.2014

Weekly Piketty 6: Über Wachstumsraten

In dieser Woche schauen wir Piketty zu bei seinen 'mathematischen Fingerübungen' mit Wachstumsraten und ergründen, warum diese scheinbaren Banalitäten übertragen auf ein paar ausgesuchte 'Eckpfeiler' eine hilfreiche Orientierung bieten können im Nachdenken über Vermögens- und Ungleichheitsentwicklungen über längere Zeitverläufe. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 09.11.2014

Weekly Piketty 7: Grenzen der Ungleichheitsrechtfertigung

Die Rechtfertigung von Ungleichheit ist bei Piketty nur am Rande Thema. Dabei verbergen sich in dem Buch einige interessante Überlegungen zu dieser Frage. Eine solche Überlegung, versteckt in einem Nebensatz, nehmen wir diese Woche in den Blick. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 16.11.2014

Weekly Piketty 8: Capital is never quiet – Metamorphosen, Wiederkehr und Kontinuität

Piketty beschreibt 'Metamorphosen' des Kapitals: Wie sich die Zusammensetzung der Vermögen eines Landes im Verlauf der letzten zwei bis drei Jahrhunderte verändert hat - und er stellt fest, dass sich das Verhältnis der Gesamtvermögen zum jährlichen Nationaleinkommen kaum verändert hat, bzw. zurück zu seinem schon vor zweihundert Jahren gekannten Niveau zurückentwickelt hat. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 23.11.2014

Weekly Piketty 9: Staatsschulden, öffentliche und private Vermögen

Welche Rolle spielen öffentliche Schulden und Vermögen in Pikettys Betrachtung der Gesamtvermögen? Piketty macht deutlich dass Staaten als Eigentümer in Westeuropa und Nordamerika von den Größenordnungen her eine realtiv unbedeutende Rolle spielen - wenn ist es eine interessante politökonomische Frage, wie sich öffentliche Schulden und Vermögen über die Zeit entwickeln. Weiterlesen →
Autor/in: Julian Bank | Datum: 30.11.2014


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