Klasse und Politik – ein häufig unterschätzter Zusammenhang

MPIDPWie wichtig sind Klassenmerkmale für politische Konfliktlinien in Deutschland? Dieser Frage geht ein neues Discussion Paper des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln nach. Co-Autorin Lea Elsässer fasst zentrale Punkte in einem Gastbeitrag zusammen.

In den USA gibt es seit einigen Jahren eine intensive Debatte um den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Repräsentation. Sie wurde vor allem durch Studien angefacht, die zeigen, dass politische Entscheidungsträger*innen in den USA systematisch der Meinung oberer Einkommensschichten folgen, die unteren und mittleren Schichten aber kaum Einfluss auf politische Entscheidungen haben (siehe dazu einen früheren Blogbeitrag). In Deutschland wird diese Debatte bisher weniger geführt. Das hier kurz vorgestellte Discussion Paper (PDF) von Lea Elsässer und Armin Schäfer möchte einen Anfang machen. Die Autor*innen untersuchen für den deutschen Fall, wie stark sich soziale Klassen in ihren Einstellungen zu konkreten politischen (Streit-)fragen unterscheiden.

Wollen soziale Klassen Unterschiedliches von der Politik?

Ob die Politik in ihren Entscheidungen bestimmte Gruppen stärker berücksichtigt als andere, kann nur sichtbar werden, wenn diese Gruppen sich systematisch in ihren Auffassungen und Interessen unterscheiden. Es ist immer wieder argumentiert worden, dass mit zunehmender Individualisierung und dem Aufkommen „postmaterialistischer Werte“ die Bedeutung von sozialer Klasse für gesellschaftliche Konfliktlinien kleiner wird. Soziale Klasse wird hier durch die Art des Berufs und die Position auf dem Arbeitsmarkt definiert. So wählen Arbeiter*innen heute beispielsweise weniger häufig traditionelle Arbeiterparteien als noch vor 30 Jahren. Deshalb aber davon auszugehen, dass die soziale Herkunft keinen Einfluss auf politische Einstellungen hat, wäre falsch, wie das Discussion Paper (PDF) zeigt.

Kern des Papiers ist die empirische Untersuchung von Einstellungsunterschieden zwischen verschiedenen Berufsgruppen zu einer Fülle von politischen Themen. Der dafür erstellte Datensatz umfasst mehr als 700 Fragen aus der Politbarometer-Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, die zwischen 1980 und 2012 gestellt wurden. Die Fragen beziehen sich in den meisten Fällen auf jeweils aktuelle politische Debatten und fragen nach der Zustimmung oder Ablehnung zu konkreten Politikänderungen. So wurde beispielsweise nach der Zustimmung zum Mindestlohn oder der Einführung der Riesterrente gefragt, aber auch zu Themen wie einem möglichen NPD-Verbot oder der Erlaubnis verdeckter Online-Ermittlungen durch Sicherheitsbehörden. Die Fragen decken also ganz unterschiedliche Politikbereiche ab und können deshalb als guter Querschnitt der politischen Debatten der letzten dreißig Jahre gesehen werden.

Große soziale Distanz – große Meinungsunterschiede

Um die Frage beantworten zu können, ob systematische Unterschiede in den politischen Einstellungen bestehen, wurde für jede Frage die Differenz in der Zustimmung zwischen den ungelernten Arbeiter*innen und jeweils einer anderen Berufsgruppe berechnet. Die durchschnittliche Größe der Meinungsunterschiede zwischen ungelernten Arbeiter*innen und fünf anderen Berufsgruppen ist in Abbildung 1 dargestellt. Die Abbildung zeigt ein eindeutiges Muster: je größer die soziale Distanz zwischen den Gruppen, desto stärker gehen die Meinungen auseinander.

Betrachtet man neben den Durchschnittswerten auch die Streuung , so wird das Ergebnis noch deutlicher. Zwischen ungelernten Arbeiter*innen und Selbstständigen beispielsweise gibt es viele Fragen, bei denen die Gruppen sich um 20 bis 30 Prozent in ihrer Zustimmung bzw. Ablehung unterscheiden, in einigen Fällen sogar bis zu 50 Prozent. Dagegen kommen völlig unterschiedliche Auffassungen zwischen einfachen Angestellten und Arbeiter*innen beispielsweise kaum vor.

Abbildung 1: Durchschnittliche Meinungsunterschiede zwischen Berufsgruppen

ElsaesserSchaefer2016

Quelle: Elsässer/Schäfer: Group Representation for the Working Class? Opinion Differences among Occupational Groups in Germany. MPIfG Discussion Paper 16/3.

Erläuterungen zu Abbildung 1:

  • Jeder Punkt zeigt die durchschnittlichen Meinungsunterschiede (gemessen mit dem Median) zwischen ungelernten Arbeiter*innen und der jeweils angegebenen Berufsgruppe.
  • Für jede Frage im Datensatz wurde die absolute Differenz zwischen dem Anteil der Befürworter*innen unter den ungelernten Arbeiter*innen und dem Anteil der Befürworter*innen in der jeweils angegebenen Berufsgruppe berechnet. Der Median gibt deshalb die durchschnittlichen Meinungsunterschiede über alle Fragen im Datensatz an.

Zudem sind die Meinungsunterschiede in verschiedenen Politikbereichen unterschiedlich groß. Wie Abbildung 2 zeigt, sind die Unterschiede in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik besonders groß, vor allem zwischen Arbeiter*innen und Selbstständigen. Da in diesen Bereich hauptsächlich (um-)verteilende Politikmaßnahmen fallen, ist es nicht stark verwunderlich, dass die Interessenslagen in diesem Bereich häufig gegensätzlich sind. Dagegen gehen die Meinungen in Umwelt- und gesellschaftspolitischen Fragen weniger stark auseinander.

Abbildung 2: Durchschnittliche Meinungsunterschiede in sechs Politikfeldern

ElsaesserSchaefer22016

Quelle: Elsässer/Schäfer: Group Representation for the Working Class? Opinion Differences among Occupational Groups in Germany. MPIfG Discussion Paper 16/3.

Erläuterungen zu Abbildung 2:

  • Die Grafik zeigt die durchschnittlichen Meinungsunterschiede (gemessen mit dem Median) zwischen ungelernten Arbeiter*innen und der jeweils angegebenen Berufsgruppe in sechs verschiedenen Politikfeldern.

Gruppenrepräsentation für Arbeiter*innen?

Das Papier zeigt also, dass Arbeiter*innen weiterhin in vielen Bereichen andere Einstellungen und Interessen haben als Menschen aus anderen sozialen Schichten bzw. Berufsgruppen. Gleichzeitig sind sie aber in vielerlei Hinsicht weniger am politischen Prozess beteiligt, was die Frage aufwirft, inwiefern ihre Interessen schlechter von der Politik repräsentiert werden. So sind Arbeiter*innen nicht nur kaum im Parlament vertreten, sondern gehen auch viel seltener wählen als andere Gruppen. Das Nichtwählen hat seit den 1980er Jahren in unteren sozialen Schichten weitaus stärker zugenommen als in den mittleren und oberen Schichten. Im gleichen Zeitraum wurden Institutionen wie Gewerkschaften, die traditionell die Interessen der Arbeiter*innen im politischen Prozess artikuliert und gestärkt haben, stark geschwächt (zu den verteilungspolitischen Folgen schwacher Gewerkschaften -> hier mehr). Vor diesem Hintergrund diskutiert das Papier, welche Folgen dies für die Politik haben könnte, und wirft die Frage auf, ob eine stärkere Präsenz von Arbeiter*innen in den Parlamenten helfen könnte, ihre Perspektiven im politischen Prozess hörbar zu machen.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Für diese Erkenntnis brauch man nun wirklich keine wissenschaftliche Untersuchung, die Medien geben jeden Tag genug Informationen in diese Richtung.
    Wem das nicht reicht, der brauch sich nur in seinem Arbeits- und Lebensumfeld umsehen, Grundvoraussetzung ist natürlich die Scheuklappen abzulegen, sich mal umzusehen und zuzuhören.
    Auch muß man natürlich mit den Füßen auf dem Boden stehen und nicht im Wolkenkuckucksheim schweben.
    Dieter

  2. Pingback: Verteilungskampf: Eine Demokratiefrage! | LobbyControl

  3. Wissenschaft kann nicht neutral sein. Offenkundig wird das spätestens bei der Auswahl der Forschungsfragen. Dass nun endlich auch in Deutschland Soziale Ungleichheit – und ihre Facetten – thematisiert wird, ist nicht nur erfreulich, sondern dringend nötig. Aber leider noch lange nicht hinreichend. Es braucht viel mehr, und viel mehr koordinierte, kommunikative Brücken auf vielen Ebenen und Bereichen. Nicht nur hinein in die Parteien, sie verhalten sich ja bloß getreu der Selbsterhaltungsmaxime, wenn sie die Politik der oberen Klassen vertreten. Zwar handelt es sich bei der immer noch dominierenden neoliberalen Wirtschaftspolitik um einen künstlich am Leben gehaltenen Toten, der aber nur endgültig zu Grabe getragen werden kann, wenn sich diese Erkenntnis über die akademischen Kreise hinaus fortpflanzt. Bis hin zu den faktisch Vernachlässigten. Ich denke, dazu ließe sich einiges aus den Vorgehensweisen derjenigen lernen, die so lange die öffentlichen Diskurse geprägt haben. Sei es beim Framing, Netzwerken oder der einfachen eingängigen Sprache.

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