IWF-Studie: Schwächung von Gewerkschaften verschärft Ungleichheit

Solidarity ForeverEine IWF-Studie rückt endlich auch die Bedeutung von Gewerkschaften für die Verteilung in den Blick. Der Befund: je schwächer der gewerkschaftliche Organisationsgrad, desto größer die Ungleichheit

Technologischer Wandel und Globalisierung

In praktisch allen Industrieländern hat die Einkommensungleichheit seit den 1980er Jahren stark zugelegt. Erklärt wird diese Zunahme häufig – gerade von neoklassisch ausgerichteten Ökonomen – mit dem technologischen Wandel und der Globalisierung.

Technologischer Wandel (genauer: so genannter „skill-biased technical change“) drücke die Lohnschere in beide Richtungen auseinander: er begünstige hochqualifizierte Arbeitnehmer, da ihre Fähigkeiten technologisch bedingt noch „wertvoller“ würden, und er setze die Löhne in niedrig qualifizierten Berufen unter Druck, weil ihre Arbeit zunehmend durch Maschinen ersetzt werden könne. Im Zuge von Globalisierung vertiefe sich zudem die globale Arbeitsteilung auch da, wo menschliche Arbeit nicht durch Maschinen sondern durch schlechter bezahlte Menschen ersetzt werde.

Institutionelle Faktoren: Steuern, Deregulierung und Gewerkschaften

Als weiterer Grund für die Ungleichheitszunahme werden oft „institutionelle“ Gründe genannt (wobei diese Unterscheidung nicht zu der Fehlannahme verleiten sollte, dass etwa Globalisierung ein Phänomen jenseits politischer Steuerbarkeit sei).

Zu institutionellen Faktoren im engeren Sinne jedenfalls werden beispielsweise Steuersenkungen gezählt, die zunächst einmal die Verteilung der Nachsteuereinkommen betreffen. Doch auch Steuersenkungen können sich auf die sogenannte Primärverteilung auswirken, also Markteinkommen noch vor Steuern beeinflussen: So führte die schrittweise Absenkung von Spitzensteuersätzen in den USA oder Großbritannien – von Sätzen zeitweise über 80 bzw. 90 % in den 1960er und 70er-Jahren auf Werte um die 40% – ziemlich sicher auch zu einem Anstieg von Spitzeneinkommen vor Steuern: Vorher wurden bestimmte Spitzengehälter schlicht nicht gezahlt.

IWF-Studie zur Rolle von Gewerkschaften

Neben Steuerpolitik oder auch der Deregulierung von Arbeitsmärkten und Finanzmärkten rückt aber in letzter Zeit ein weiterer institutioneller Faktor in den Fokus der Ungleichheitserklärungen: Die Rolle von Gewerkschaften. Eine im Juli veröffentlichte Studie des IWF untersucht den Zusammenhang zwischen Ungleichheitszunahme und gewerkschaftlichem Organisationsgrad im internationalen Vergleich. Ihr Befund: Es besteht ein enger statistischer Zusammenhang zwischen beiden Merkmalen – je höher der gewerkschaftliche Organisationsgrad, also die Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern relativ zur Arbeinehmer/innenschaft, desto niedriger die Ungleichheit in einem Land.

Die Autorinnen Florence Jaumotte und Carolina Osorio Buitron schauten sich Daten von 20 Ländern im Zeitraum von 1980 und 2010 an. Dabei setzten sie den gewerkschaftlichem Organisationsgrad („Union Density“) sowohl in Zusammenhang zum Gini-Koeffizienten, als auch zu den Anteilen von Spitzeneinkommen der obersten 10 Prozent. Dabei berücksichtigten sie auch den möglichen Einfluss von anderen Faktoren wie Globalisierung und technologischem Wandel.

Starker Zusammenhang bei den Spitzeneinkommen

Interessanterweise war der Zusammenhang zwischen gewerkschaftlichem Organisationsgrad und Ungleichheitszunahme nicht nur beim Gini messbar, sondern ausgerechnet bei den Spitzeneinkommen besonders stark ausgeprägt. Dies werten die Autorinnen als überraschenden Befund, weil häufig angenommen wird, dass Gewerkschaften vor allem auf die Löhne in den mittleren und unteren Einkommensgruppen einwirken und mit den Spitzeneinkommen weniger zu tun haben. Die Autorinnen leiten daraus ab, dass die Kanäle, über die sich schwächer organisierte Gewerkschaften in größerer Ungleichheit niederschlagen, tatsächlich einiges mit den Spitzenverdienern zu tun haben dürften.

Zum einen könnte dies daran liegen, dass der schwächere Organisationsgrad von Gewerkschaften den wachsenden Anteil der Kapitaleinkommen an der Wertschöpfung mit ermöglicht hat. Kapitaleinkommen konzentrieren sich stark bei den oberen Einkommensbeziehern.

Darüber hinaus wird bei schwächeren Gewerkschaften der Einfluss auf Unternehmenspolitik schwächer und damit nicht zuletzt der Einfluss auf Entscheidungen über die Gehälter der Führungsebene von Unternehmen relativ zu denen der unteren Ebenen. Salopp gesagt: schwächere Gewerkschaften vereinfachen den Gehälterklüngel in den oberen Etagen der Unternehmen.

IWF-Ökonominnen empfehlen Stärkung von Gewerkschaften und Re-Regulierung

Wie immer bei solchen empirischen Untersuchungen ist es wichtig zu betonen, dass eine kausale Interpretation nie endgültig bestätigt werden kann. Es ist schwer herauszufinden, ob nicht auch größere Ungleichheit Gewerkschaften schwächt, oder ob es – neben den untersuchten Aspekten wie Globalisierung und technologischem Wandel – weitere Faktoren gibt, die sowohl eine Schwächung von Gewerkschaften, als auch die Ungleichheitszunahme bewirken.

Aufgrund einer Reihe von sogenannten Robustheits-Checks ist der empirische Befund jedoch deutlicher denn je. Und so wagen sich die IWF-Ökonominnen für den IWF erstaunlich weit hervor und schlussfolgern: Insgesamt dürfte ein höherer Organisationsgrad von Gewerkschaften die Einkommensungleichheit reduzieren. Allerdings fügen sie einschränkend hinzu, dass es auf lokale Gegebenheiten und die konkrete Ausrichtung von Gewerkschaften ankomme, ob dieser Effekt zu erwarten wäre oder nicht. Wenn Gewerkschaften zulasten nicht organisierter Teile der Arbeitnehmerschaft verhandelten, könnte dies auch zu größerer Ungleichheit beitragen.

Die Autorinnen empfehlen neben einer Stärkung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads auch flankierende Maßnahmen im Bereich der Einkommensbesteuerung. Zudem sei eine stärkere Regulierung des Finanzsektors wünschenswert, um die durch vorherige Deregulierung entstandenen Exzesse wieder einzudämmen. Bemerkenswerte Töne aus dem Hause IWF.

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