Das Lob der Meritokratie und seine Grenzen

Erbschaften in Österreich sind sehr ungleich verteilt, wie eine neue Studie der Arbeiterkammer Österreich zeigt. In einem Beitrag im Blog der Zeitschrift Arbeit.Wirtschaft nimmt Autor Martin Schürz die Studienergebnisse zum Anlass, über den Meritokratie-Begriff nachzudenken und einen Bezug zur aktuellen Debatte um Thomas Pikettys Buch Capital in the 21st Century herzustellen.

Vielfach wird Piketty so gelesen, dass er mit seiner empirischen Analyse der Einkommens- und Vermögenskonzentration aufzeige, dass das meritokratische Prinzip immer weniger entscheide, wer wie viel vom Kuchen abbekomme. Diesem Prinzip zufolge sollten Ungleichheiten nur durch unterschiedliche Leistung und nicht etwa durch Glück in der Geburtslotterie sozialer Herkunft zustande kommen. Bei zunehmend konzentrierten Kapitalrenditen und einem wachsenden Anteil von immer niedriger besteuerten Erbschaften an den – über den Lebensverlauf entstehenden – Einkünften, könne von Meritokratie nicht mehr gesprochen werden. Es wird also infrage gestellt, ob Meritokratie noch ‚funktioniere‘, nicht ob diese an sich gut oder gerecht sei.

Ein interessanter zusätzlicher Gedanke, den Schürz herausarbeitet, ist jedoch, ob – selbst wenn Meritokratie ‚funktionierte‘ – dies nicht auf dem heutigen Wohlstandsniveau und unter heutigen Ungleichheitsverhältnissen in Industrieländern ein unpassendes und einseitiges Prinzip wäre:

Piketty macht zudem darauf aufmerksam, dass Meritokratie die gesellschaftlichen VerliererInnen kränkt. Er spricht daher vom meritokratischen Extremismus. Dies zeigt, welch sensibler Zeitdiagnostiker er ist und dass er auch soziologische und sozialpsychologische Literatur rezipiert. Es ist vernünftig nicht zu begründen, warum in unserer Gesellschaft auf einem solch hohen allgemeinen Niveau des Wohlstands, so viele Menschen fast nichts haben, während einige wenige im Luxus leben. Diese Kluft über Leistung zu legitimieren missachtet die Armen. Arme müssen aufgrund ihrer vielfältigen Benachteiligungen besonders viel leisten und werden doch fast nie als LeistungsträgerInnen betrachtet. Martin Schürz, auf blog.arbeit-wirtschaft.at

Meritokratie ist zentrales Rechtfertigungsmotiv moderner Ungleichheiten – daher sollte es zu denken geben, wenn ausgerechnet der Charakter moderner Ungleichheiten sowohl das Funktionieren als auch die Angemessenheit von Meritokratie infrage stellen.

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