Wie sich französische Vermögende politischen Einfluss erkaufen

Ökonomische Ungleichheit droht sich auf verschiedene Weisen in politische Ungleichheit zu übersetzen, heißt es – auch in diesem Blog – immer wieder. Ein Bericht des Frankreich-Korrespondenten Leo Klimm in der Süddeutschen Zeitung (3./4. Juni, S. 46) illustriert sehr anschaulich einen dieser Mechanismen: Reiche Industrielle und Vermögende kaufen sich ihre Medien, ihre „danseuse“ (Tänzerin), wie es im Branchenjargon heißen soll.

Klimm berichtet über den Kauf des traditionsbehafteten, „gehobenen Boulevardblatts“ Le Parisien (tägliche Verkaufszahl: 380.000 Exemplare) durch die Holding LVMH des „Luxusmagnaten“ Bernard Arnault. Arnault und seine Familie liegen laut Forbes-Reichenliste auf Platz zwei in Frankreich. Geschätztes Vermögen: knapp 40 Mrd. US-Dollar. Da erscheint der vermutete Kaufpreis von 50 Mio. Euro doch als Peanuts. LVMH gehörte bereits zuvor die Wirtschaftszeitung Les Echos.

Und dies ist kein Einzelfall. Wie Klimm berichtet, bauen viele Superreiche ihren eigenen „publizistisch-industriellen Komplex“ auf, im konservativen wie im progressiven Lager:

  • Dem Rüstungsindustriellen und konservativen Senator Serge Dassault (Dassault & Familie sind laut Forbes der viertreichste Klan in Frankreich) gehört seit 2004 die Zeitung Figaro (Auflage 2013: 329.000, Quelle: Wikipedia)
  • Der Bauunternehmer Martin Bouygues (Forbes: gemeinsam mit seinem Bruder Frankreichs #15 der Vermögenden) besitzt den meistgesehenen Fernsehsender des Landes TF1
  • Familie Pinault (Marken wie Gucci und Puma, Forbes: #5 in Frankreich) steht seit 1997 hinter dem Magazin Le Point (Auflage 2013: 427.000)
  • Ein Trio aus neureichen Online- und Kommunikationsunternehmern (Xavier Niel, Forbes #9), Bankern (Matthieu Pigasse) und Modeunternehmern (Pierre Bergé) investierte 2010 in das französische Paper of Record, Le Monde (Auflage 2014: knapp 300.000)
  • Der Telekom-Unternehmer und laut Forbes drittvermögendste Franzose, Patrick Drahi, „rettete“ 2014 die linke Zeitung Libération. Sein neustes Kauf-Projekt: eine Reihe von Magazinen, darunter das französische Spiegel-Äquivalent, L’Express (Auflage 2014: 433.000)

Klimm zitiert Jean-Clément Texier, Frankreich-Verterter eines Schweizer Medienhauses, der ganz offen ein zentrales Motiv für das Medien-Engagement der Vermögenden benennt: „Sie erwerben schlicht auch Einfluss und Ansehen“.

Wie in einem Brennglas zeigt sich hier, wie die ausgeprägte ökonomische Ungleichheit das demokratische Prinzip politischer Gleichheit aushöhlt. Natürlich ist die Zahl der Vermögenden, die sich ihr eigenes Medium kaufen können, begrenzt (was deren Einfluss nicht gerade schmälert). Doch was sich bei den Reichsten als Kauf von ganzen Medienhäusern äußert, setzt sich in den Vermögensschichten darunter beispielsweise durch Parteispenden oder Stiftungsengagement fort. Auch letzteres entscheidet maßgeblich über gesellschaftliche Prioritätensetzungen in Forschung, Daseinsvorsorge oder Kultur.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schöner Artikel, wenn ich demnächst mal wieder eine Diskussion über Medien und Kampf gegen Arm und Reich führe, wird Dein Artikel sicherlich mal herangezogen werden, Danke!

  2. Chapeau!
    Leider liest man solche Artikel im deutschen Blätterwald eher selten bis gar nicht?

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