Mau / Schöneck: (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten

mauschoeneck2015Rezension des Sammelbands (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten, Herausgegeben von Steffen Mau und Nadine M. Schöneck, Suhrkamp 2015, 208 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-518-12684-4, mit Beiträgen von Jutta Allmendinger, Jens Beckert, Rainer Hank, Wolfgang Merkel, Sighard Neckel, Paul Nolte, Hartmut Rosa u.a.

Es ist schon bezeichnend, dass das Thema Ungleichheit im vergangenen Jahr nicht aus jener sozialwissenschaftlichen Disziplin heraus wieder auf die Tagesordnung gesetzt wurde, die sich klassischerweise am gründlichsten und breitesten damit befasst: die Soziologie. Nein, es war der Ökonom Thomas Piketty, der mit seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert, Verteilungsfragen an die Spitze der Bestsellerlisten und in die Wirtschaftsblogs und Feuilletons katapultierte.

Nun sollte man jedoch nicht allzu gewagte Rückschlüsse über die Volkswirtschaftslehre daraus ziehen. Denn eines der Verdienste von Piketty lag auch darin, aufzuzeigen, dass deren Mainstream ein Ungleichheitsdefizit aufweist. Vermutlich hängt es auch nicht so sehr von der Herkunftsdisziplin ab, ob ein Thema es schafft in die öffentliche Debatte vorzudringen, sondern vielmehr von der Sprache, in der Forschung präsentiert wird. In dieser Hinsicht konnte sich Piketty sowohl von der häufig unverhältnismäßig mathematisierten VWL wohltuend abheben, als auch von dem verschwurbelten Stil, der in Teilen der Soziologie mühsam gepflegt wird.

Neues Buch: Pluralität zwischen Disziplinen, Ungleichheitsdimensionen und Gerechtigkeit

Einem in diesem Jahr erschienenen kleinen Suhrkamp-Band nun gelingt es (zumindest zum Teil), dieses Defizit zu überwinden. Die zwei Soziologen Steffen Mau und Nadine M. Schöneck haben einen bunten Strauß an Autor/innen versammelt, die sich dem Themenkomplex Ungleichheit und Gerechtigkeit auf häufig angenehm klare und prägnante Weise widmen. Unter dem etwas sperrigen Titel „(Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten“ haben die beiden Herausgeber Soziologen, Politikwissenschaftler und Ökonomen eingeladen, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven einen Blick auf ebenfalls sehr unterschiedliche Themenfelder zu werfen, die mit Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen zusammenhängen.

Der Band ist also gezeichnet durch einen gleich in dreierlei Hinsicht pluralen Ansatz. Erstens ist der Band interdisziplinär besetzt. Zweitens sucht er den Zusammenhang zum Leitthema aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln: Bildung, Markt, Sozialstaat, Geschlechter, Erben, Globale Ungleichheit und Migration, sowie Demokratie. Und drittens wird jede dieser einzelnen Sektionen von zwei Autor/innen behandelt, teils kontrovers, zum Teil auch komplementär.

Viele Bäume, ein Wald?

Zumindest was die Vielfalt der Sektionen betrifft, zeigt diese Pluralität jedoch auch ein Problem auf, das nur allzu typisch ist für die Ungleichheitsforschung – gerade in der Soziologie. Es wird nicht klar strukturiert, in welcher Hinsicht Ungleichheit nun eigentlich thematisiert wird. In den Beiträgen von Jens Beckert und Thomas Straubhar zum Thema Erbschaftsbesteuerung geht es etwa um ökonomische Ungleichheit und Verteilungspolitik. Dagegen thematisieren die Abschnitte Bildung und Geschlechter jeweils primär eigene soziale Ungleichheitsdimensionen, die natürlich auch mit der ökonomischen Ungleichheit zusammenhängen.

Verkomplizierend kommt noch hinzu, dass nicht nur die „positive“ Dimension der Ungleichheit, sondern auch noch die normative Dimension der Gerechtigkeit behandelt wird, in jeweils recht unterschiedlichen Verhältnissen. In manchen Beiträgen, etwa bei Rainer Hank zum Sozialstaat, werden sehr grundsätzlich Gerechtigkeitsprinzipien diskutiert, während andere Beiträge stärker empirisch auf die Ungleichheitsdimension zielen.

Typisches Soziologenproblem: Im Strudel der eigenen Differenzierungen

Diese Pluralität muss kein Problem sein. Ja, die Herausgeber thematisieren sie sogar gleich zu Beginn und machen sie zum Ausgangspunkt des Buchs. Sie berichten von einer internationalen Soziologenkonferenz, auf der ein britischer Journalist den Wissenschaftlern einen gewichtigen Vorwurf machte:

Aus seiner Sicht würden Soziologen nichts anderes tun, als immer neue Ungleichheiten zu entdecken und diese zum Problem zu machen. Sie erzeugten ihren Gegenstand gleichsam selbst und hätten bedauerlicherweise kein Instrumentarium entwickelt, gute und wünschenswerte Ungleichheiten von problematischen Ungleichheiten zu unterscheiden.
Steffen Mau und Nadine M. Schöneck, in: dies. 2015, S. 9

So gesehen ist die Zusammenstellung der Beiträge also genau eine Antwort auf dieses doppelte Puzzle zwischen Ungleichheitsdimensionen und Gerechtigkeitsdebatten. Leider jedoch wird das Puzzle nur nicht aufgelöst, sondern die Beiträge stehen einfach nebeneinander. Wünschenswert wäre es gewesen, das Verhältnis der verschiedenen Ungleichheitsdimensionen untereinander, und deren Verhältnis zur Frage der Gerechtigkeit zu systematisieren. Auch die einleitenden Essays verschiedener Sozialforscher leisten das nicht. Die Leser/innen müssen das schon selbst machen, wenn sie sich nicht ohnehin nur die Themen heraussuchen, die sie spontan interessieren. Im folgenden drei Vorschläge:

Interventionsspiralen, Förderzoo und Ellenbogengesellschaft

Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, versteigt sich in seinem Beitrag zu der These, der Sozialstaat führe in die Ellenbogengesellschaft. Er argumentiert zunächst klassisch libertär, dass Ungleichheit legitimes Ergebnis legitimer (Markt-)Prozesse und Freiheitsausübung sei – und übersieht dabei die ideologische Aufladung des Freiheitsbegriffs und die Tatsache, dass die freiwillige Beteiligung an Tauschakten nicht gleichbedeutend ist mit einem Persilschein für alles, was daraus gesellschaftlich entsteht.

Doch es wird noch absurder: Umverteilung, so Hank, führe zu „Interventionsspiralen“, weil durch Umverteilung geschaffene Ungleichbehandlungen wiederum Umverteilungsmaßnahmen nötig machten. Es entstünde ein „Förderzoo“ der Sozialstaatlichkeit. Hank kommt zu dem grotesken Schluss, dass der Sozialstaat den Rechtsstaat auf Dauer aushöhle, weil „gesellschaftlich mächtige Gruppen“ geldwerte Vorteile gegen die Wiederwahl von Politikern tauschen würden.

Willkommen im Märchenland der Wirtschaftsliberalen, ohne Sozialstaat, mit ausgeprägter Ungleichheit – hier also würde der Rechtsstaat wunderbar funktionieren, demokratische Rückkopplung kein Problem… Ellenbogen? Nicht nötig, die Ungleichheit ist ja ohnehin legitim, Ergebnis von Marktprozessen, die aus Freiheitsakten entstehen. Bei diesem Szenario wundert es mich doch immer wieder, wie Wirtschaftsliberale es schaffen können, Befürworter der Umverteilung als Traumtänzer darzustellen und selbst mit dem Image des harten Realisten wegzukommen.

„Ungleichheit als Krankheit der Demokratie“

Da erscheint der Beitrag des WZB-Politikwissenschaftlers Wolfgang Merkel doch etwas realitätstauglicher. Er stellt Hanks steile These zurück auf die Füße und thematisiert die Erosion von Demokratie und politischer Gleichheit im Zuge wachsender ökonomischer Ungleichheit – regelmäßig Thema auch in diesem Blog. Merkel spricht von einer „Oligarchisierung der Demokratie“:

Wir haben es (…) mit der teils bewussten, teils fahrlässigen Preisgabe von staatlichen Regulierungs-, Steuer- und Korrekturkapazitäten gegenüber einer Ökonomie zu tun, die strukturell sozioökonomische Ungleichheiten produziert und das fundamentale Demokratieprinzip politischer Gleichheit schleift.
Wolfgang Merkel, in: Mau/Schöneck (Hg.) 2015, S. 193

Dieser sich wechselseitig bedingende Prozess wachsender ökonomischer Ungleichheit und der Erosion politischer Gleichheit müsse gestoppt werden. Dafür jedoch solle man sich nicht auf neuartige demokratische Instrumente wie direkte Demokratie oder E-Democracy verlassen, die irrelvant seien oder gar die Probleme verstärken könnten. Man solle vielmehr auf den klassischen Weg repräsentativer Demokratie setzen und für Umverteilungspolitik streiten.

Erbschaften besteuern

Einen wichtigen Pfad in diese Himmelsrichtung beschreibt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Jens Beckert. Er agumentiert, dass gerade ein massiver Ausbau der Erbschaftsbesteuerung ein sinnvoller Schritt wäre, die krasse Vermögensungleichheit in Deutschland anzugehen.

Beckert weist allerdings auf die strategische Herausforderung hin, dass Erbschaftsbesteuerung Umfragen zufolge relativ unbeliebt sei. Eine mögliche Erklärung sei die symbolische Aufladung von Erbschaften: Sie würden „durch den Tod pietätvoll verklärt und der Sphäre des Profanen entrissen“.

Zu special money werden Erbschaften aber auch, weil sie oftmals eng mit der familiären identität vom Erblasser und Erben verwoben sind. Denn in Erbschaften symbolisieren sich biografische Erwartungen (…)
Jens Beckert, in: Mau/Schöneck (Hg.) 2015, S.149

Beckert erinnert jedoch daran, dass dies historisch nicht immer der Fall gewesen sei. Im 20. Jahrhundert seien die Erbschaftsbesteuerung von einer großen Mehrheit in der Bevölkerung befürwortet worden; die Erbschaftssteuersätze lagen in der Spitze bei 77 Prozent (im Fall USA!). Auch in Deutschland lagen die Spitzensteuersätze auf Erbschaften kurzzeitig bei 60 Prozent.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch also einen kontroversen Rundumschlag zur Debatte um Ungleichheit und Gerechtigkeit aus Sicht deutscher Soziologen und benachbarter Sozialwissenschaftler. Man kann sich dabei sein eigenes Themenmenu zusammenstellen oder versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen – bei letzterem jedoch ist man auf sich gestellt, einen roten Faden und Struktur zu finden, um den Dschungel an Ungleichheitsdimensionen und deren Verhältnis zu normativen Fragen zu durchblicken.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Julian. Ich habe auch das Buch und es hat viel zu bieten.
    Mit dem in der edition suhrkamp publiziertem Büchlein „(Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten“ wird auf der Grundlage der soziologischen und ökonomischen Fragestellung nach dem Zusammenhang der humanen Werte Gerechtigkeit und Gleichheit ein wissenschaftlich-kontroverser, interdisziplinärer Diskurs geführt. Als Anlass für die Neuaufnahme der traditionellen Auseinandersetzungen werden die gesellschaftlichen Veränderungen genannt, also „dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Aufgehen der Einkommensschere, der sich zuspitzenden Vermögenskonzentration, der anhaltend engen Verkopplung von sozialer Herkunft und Lebenschancen, der stärkeren Sensibilisierung für globale Ungleichheiten und der Entstehung einer gesellschaftlichen Unterschicht am unteren und einer neuen Gruppe von ‚Obertanen‘ am oberen Ende der Sozialstruktur“ diagnostiziert.

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