Neue Debatte um Vermögensungleichheit und Vermögensteuer

Neue Daten zur Ungleichheit der Vermögen weltweit und in Deutschland machen die Runde: 62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte der Menschheit; in Deutschland gehören – je nach Datengrundlage – den reichsten 10 Prozent bis zu drei Viertel der Vermögen. Auch deshalb wird wieder zunehmend über eine Wiedereinführung der Vermögensteuer diskutiert. Eine maßvolle Besteuerung der Vermögen der reichsten 1 Prozent könnte ein Steueraufkommen von 10-20 Mrd. bringen


Vergangene Woche meldete Oxfam, dass ihren Berechnungen zufolge das Vermögen der weltweit reichsten 62 Einzelpersonen (!) dem Gesamtvermögen der ärmsten Hälfte der Weltbevölkerung entspricht. Das Vermögen dieser 62 Personen sei in den vergangenen fünf Jahren um 45% gewachsen, während das Vermögen der ärmsten Hälfte um 38% gesunken sei.

Das Problem der massiven Ungleichheit könne nun selbst beim Weltwirtschaftsforum in Davos nicht mehr ignoriert werden:

Ein zentrales Problem, so Oxfam, sind die gigantischen Vermögenswerte, die in Steueroasen schlummern: 7,2 Billionen Dollar, schätzt der Ungleichheitsforscher Gabriel Zucman, entziehen sich dort der Besteuerung, ein jährlicher Steuerverlust von schätzungsweise 190 Milliarden Dollar.

Debatte um die Vermögensungleichheit in Deutschland

Diese Woche war nun auch die Vermögensungleichheit in Deutschland Thema in den Medien. Dienstag titelte die Süddeutsche Zeitung mit neuen Vermögensdaten, wonach die reichsten 10 Prozent rund 52% der Vermögen besitzen würden:

Süddeutsche Zeitung vom 26.1.2016

Süddeutsche Zeitung vom 26.1.2016

Heute legte sie nach, mit einem Bericht, der sich auf Schätzungen aus dem vergangenen Jahr bezog, wonach diese 10 Prozent sogar auf 63-74% der Gesamtvermögen kommen dürften.

Probleme bei den Ungleichheitsdaten

Der Unterschied in den zwei SZ-Berichten ergibt sich aus den Unterschieden in der Messmethode und den Datengrundlagen:

  • Die 52%-Schätzung für die Vermögen der reichsten Dezile (Top 10%) resultiert aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), einer Befragung von 60.000 zufällig ausgewählten Haushalten durch das Statistische Bundesamt. Zwar werden hier relativ viele Haushalte erfasst, aber die Umfrage ist nicht nur freiwillig; wer mehr als 18.000 Euro monatlich verdient fällt hier gleich raus – die ganz Einkommensstarken (typischerweise aufgrund hoher Kapitalerträge auch die ganz Vermögenden) sind also gar nicht erfasst.
  • Die 63-74%-Schätzung für die Vermögen der reichsten Dezile hingegen basiert auf Daten des SOEP. Dies ist zwar auch eine freiwillige Haushaltsbefragung, bei der die Reichen unterrepräsentiert sind. In der vorliegenden Studie jedoch haben die Autoren die Forbes-Reichenliste genutzt, um die Mängel am Datensatz durch Schätzungen zu korrigieren.
Debatte um Daten zur Ungleichheit

Generell gibt es derzeit eine Debatte (siehe z.B. hier und hier, jeweils PDF) um die Frage, wie Ungleichheitsdaten verbessert werden können.

So schlagen Forscher vom Mannheimer ZEW und dem gewerkschaftsnahen IMK vor, administrative Daten wie das Tax-Payer-Panel (TPP) besser mit anderen Ungleichheitsdaten zu verzahnen, etwa auch durch eine Verknüpfung von Steuerdaten mit Daten des Mikrozensus oder der Bundesagentur für Arbeit, um das Problem einer Untererfassung bei den Reichen beim SOEP – der vermutlich wichtigsten sozialwissenschaftlichen Datenbasis in Deutschland – zu überwinden. Das Forscherteam hatte aufgezeigt, dass die jüngste Ungleichheitsentwicklung bei den Einkommen vermutlich unterschätzt wird, wenn man die Erholung der Kapitaleinkommen seit der Finanzkrise besser erfasst.

Wissenschaftler des DIW und der FU Berlin hatten in ihrer Replik (PDF) zugleich auf Schwierigkeiten in der Vergleichbarkeit der Daten hingewiesen: neben der unterschiedlichen Grundgesamtheit, auf die sich die Daten bezögen, seien auch die unterschiedlichen Einkommenskonzepte und Bezugsgrößen wie Haushalte statt Einzelpersonen nicht direkt vergleichbar.

Eine weitere Möglichkeit, die Datenlage zu verbessern, wäre ein steuerpolitischer Kursschwenk: eine Wiederabschaffung der Abgeltungsteuer und eine Wiedereinführung der Vermögensteuer – und läge sie auch bei Null oder nahe Null Prozent. So könnte die Datenbasis über die Konzentration von Vermögen und Kapitalerträgen verbessert werden. Bei der Abgeltungssteuer sperrt sich die CSU allerdings weiterhin. Die Vermögensteuer galt nach der Bundestagswahl 2013 als politisch tot und wird erst langsam wiederentdeckt (s.u.).

In jedem Fall also sind die Vermögen hoch konzentriert; vermutlich besitzen die reichsten zehn Prozent in Deutschland zwei Drittel bis drei Viertel der Vermögen; das reichste Prozent besitzt ca. ein Drittel und allein das reichste 0,1 Prozent kommt auf ca. 15 Prozent der Vermögen.

Auch im internationalen Vergleich (PDF) ist die Vermögenskonzentration in Deutschland sehr hoch – wobei aufgrund unterschiedlicher Vermögenskonzepte und Alterssicherungssysteme Vorsicht bei solchen Vergleichen geboten ist.

Ziehe zurück auf: Vermögensteuer

Nachdem eine Wiedereinführung der Vermögensteuer nach der Bundestagswahl 2013 vorübergehend für politisch „tot“ erklärt wurde – namentlich vom SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel bei einer Begegnung mit Thomas Piketty -, wird diese 1997 abgeschaffte Steuer nun wieder zunehmend diskutiert.

Heute veröffentlichte das DIW in seinem neusten Wochenbericht eine Schätzung, wie hoch das Steueraufkommen mit einer sehr moderaten Wiedereinführung mit großen Freibeträgen wäre: Bei einer Belastung, die praktisch nur das reichste 1 Prozent und vor allem das reichste 0,1 Prozent der Vermögenden träfe, könnten jährlich 10-20 Mrd. Euro Steueraufkommen erzielt werden.

Vermutlich würde dieser Betrag bei einem noch konsequenteren Vorgehen gegen Steuerflucht noch erhöht werden: weil dann Ausweichreaktionen der Reichen unwahrscheinlicher würden.

Die hohe Ungleichheit bei den Vermögen ist also kein Naturphänomen. Sie hängt ab von politischen Entscheidungen dafür oder dagegen.

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