Chancengerechtigkeit braucht Umverteilung

Eine Politik der Chancengleichheit wird häufig in Konkurrenz zu Umverteilungspolitik diskutiert. Doch was sind eigentlich gerechte Chancen und wie hängen diese mit Ungleichheit und Aufstiegsmöglichkeiten zusammen? Zeit, ein paar Dinge zu sortieren und die Verteilungspolitik zurück auf die Tagesordnung zu bringen.

Ausschnitt aus „Pencilsword #10: On a Plate“ von Toby Morris – der ganze Comic findet sich bei The Wireless. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Ausschnitt aus „Pencilsword #10: On a Plate“ von Toby Morris – der ganze Comic zum Thema Chancengerechtigkeit findet sich bei The Wireless. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Chancengerechtigkeit und soziale Mobilität sind die Zauberwörter unserer modernen „Leistungsgesellschaft“. Die Ungleichheit von Einkommen – so ein verbreitetes Rechtfertigungsmuster – könne sich legitimerweise aus unterschiedlicher Leistung speisen. Entscheidend sei, dass jeder und jede die gleichen Chancen hatte, in eine Position zu gelangen, die mit solchen Einkommensvorteilen einhergeht.

Dabei ist wichtig zu sehen, dass unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen zu unterschiedlichen Vorstellungen führen, inwiefern Chancen denn eigentlich gleich sein sollten:

  • Für manche herrscht bereits Chancengleichheit, wenn formal gleiche Rechte für alle gelten.
  • Für andere besteht erst Chancengleichheit, wenn tatsächlich keine Diskriminierung aufgrund bestimmter sozialer Merkmale stattfindet (beispielsweise wegen des Geschlechts, der sozialen Herkunft, des kulturellen oder religiösen Hintergrunds, der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung usw.).
  • Für wieder andere herrscht erst Chancengleichheit, wenn Nachteile aus unterschiedlichen Startvoraussetzungen aufgrund des Elternhauses und des sozialen Umfelds ausgeglichen werden konnten.
  • Noch andere schließlich wollen erst von Chancengleichheit sprechen, wenn auch unterschiedliche individuelle Talente und Glück in der „genetischen Lotterie“ keine Rolle spielen beim Zugang zu Vorteilen.

Klingt Chancengerechtigkeit oder Chancengleichheit also vielleicht erst einmal gut, so zeigt sich schnell, dass das Konzept sehr offen ist für unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen. Die beiden Begriffe an sich – ohne genauere Erläuterung – sind also angesichts der vielen unterschiedlichen Verständnisse Nullbegriffe.

Harte Wirtschaftsliberale und Konservative geben sich häufig schon mit dem Beharren auf formal gleichen Rechten zufrieden: Jeder hätte freien Zugang zu öffentlichen Schulen und Universitäten und könne sich auf jede Stelle bewerben. Wer sich anstrenge, könne alles erreichen. Sehr große Einkommensdifferenzen seien also kein Problem, sofern rein formal allen die Chancen dazu offen gestanden hätten.

Mittlerweile scheint es aber – jenseits des schrillen Getöses der Neuen Rechten – breiter gesellschaftlicher Konsens geworden zu sein, dass auch eine Diskriminierung aufgrund bestimmter sozialer Merkmale (wie Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion usw.) nicht akzeptabel ist, auch wenn es immer wieder Streit darum gibt, wie diese Diskriminierung überwunden werden sollte (durch zähen kulturellen Wandel; durch Anreize; durch Verbote oder durch positive Förderungsmaßnahmen wie etwa Quoten, auch „affirmative action“ genannt).

Allerdings bezieht sich diese Sichtweise typischerweise auf Diskriminierung zu einem Zeitpunkt – ohne die Pfadabhängigkeiten zu berücksichtigen, die ungleiche Chancen zu verschiedenen Zeitpunkten insbesondere in der Bildungs- und Erwerbsbiographie mit sich bringen. Doch schon minimal ungleiche Chancen können sich im Lebensverlauf zu großen Unterschieden in den Verwirklichungschancen einer Person auswachsen, wie der Comic „On a Plate“ des KünstlersToby Morris auf eindrückliche Weise illustriert.

Ausschnitt aus „Pencilsword #10: On a Plate“ von Toby Morris – der ganze Comic findet sich bei The Wireless. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Ausschnitt aus „Pencilsword #10: On a Plate“ von Toby Morris – der ganze Comic findet sich bei The Wireless. Mit freundlicher Genehmigung des Zeichners

Auch diese „dynamische Perspektive“, die häufig unter dem Schlagwort der sozialen Mobilität diskutiert wird, gerät zunehmend in den Blick. Dies zeigen – neben Studien, beispielsweise des DIW – nicht zuletzt auch journalistische Bücher wie Marco Maurers „Du bleibst was Du bist“ oder die unausgesprochene Ungleichheits-Trilogie der Autorin Julia Friedrichs („Gestatten Elite“, „Deutschland Dritter Klasse“ und „Wir Erben“) ­– mit dem klaren Befund, dass die Beharrungskräfte zwischen den Klassen viel ausgeprägter seien als häufig angenommen.

Viel zu lange schon hat sich der wirtschaftsliberale Mythos einer Gesellschaft ausgeprägter Chancengleichheit gehalten – vielleicht genährt durch eine Mischung aus tatsächlich weitgehender formaler Chancengleichheit und einem Optimismus, der sich aus der Phase der Bildungsexpansion insbesondere seit den 1970er Jahren speist, kombiniert mit Geschichten von erfreulichen Einzelfällen eines sozialen Aufstiegs, die es natürlich immer gibt.

Doch diese schöne Illusion ist mittlerweile weitgehend dekonstruiert. Was im Einzelfall zwar möglich ist, bleibt statistisch unwahrscheinlich. So schreibt gar der wirtschaftsliberale SZ-Ressortchef Wirtschaft, Marc Beise, dass es um die Chancengleichheit in Deutschland „tatsächlich deutlich schlechter bestellt ist als in vergleichbaren Industriestaaten.“ Und er fügt hinzu: „Und sie ist nun wirklich ungerecht: Aus der Schicht, in die man geboren wird, gibt es kaum ein Entkommen.“ Ähnlich schreibt der DIW-Chef Marcel Fratzscher in seinem neuen Buch „Verteilungskampf“:

Die größte Schwäche und das größte Scheitern der deutschen Politik und Gesellschaft aber ist es, dass wir es nicht schaffen, eine bessere Chancengleichheit für die Menschen zu gewährleisten. Die hohe Ungleichheit der Chancen hindert viele Menschen in Deutschland daran, ihre Fähigkeiten voll zu entwickeln und den größtmöglichen Nutzen aus ihnen zu ziehen – zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl unserer Gesellschaft.
Marcel Fratzscher, Verteilungskampf (2016), S. 16

Es ist gut, dass die skandalöse Ungleichheit der Chancen für Menschen aus einkommensschwächeren Schichten und mit bestimmten sozialen Merkmalen endlich offensiv thematisiert wird. Und es ist wichtig sich ihrer vielschichtigen Ursachen anzunehmen.

Chancengleichheitspolitik versus Umverteilungspolitik?

Doch in einer zentralen Frage wird ausgerechnet dies häufig durch einen problematischen Kurzschluss unterlaufen. Eine Politik der Chancengleichheit, die auf eine höhere soziale Mobilität und Aufstiegschancen abzielt, wird in Konkurrenz diskutiert zu einer Politik der Umverteilung, die darauf abzielt, dass die materiellen Lebensumstände gar nicht erst so weit auseinander driften. Ein Beispiel liefert Marc Beise: Er schreibt bezeichnenderweise, man solle sich um Chancengleichheit kümmern, statt sich mit Umverteilungspolitik „zu verzetteln“.

Und es ist ja auch eine verlockende Vorstellung: Wenn Chancengleichheit in einem noch weitergehenderen Sinne als die „formale“ oder die „diskriminierungsfreie“ Sicht herrschte, dann würden Einkommensvorteile als deutlich weniger ungerecht erscheinen. Sie wären dann lediglich Ergebnis von „Geschmacksunterschieden“ verschiedener Lebensmodelle und nicht Folge von Merkmalen eines Menschen, auf die dieser keinen Einfluss hatte. Wozu also noch umverteilen?

Genau hier jedoch greift die Idee einer Chancengleichheitspolitik ohne Umverteilungspolitik zu kurz. Einen Grund dafür benennt der renommierte Ungleichheitsforscher Tony Atkinson. Er weist auf den engen Zusammenhang zwischen Verteilungsergebnissen und sozialer Mobilität hin:

Finally, the third reason for concern about inequality of outcome is that it directly affects equality of opportunity – for the next generation. Today’s ex-post outcomes shape tomorrow’s ex ante playing field: the beneficiaries of inequality of outcome today can transmit an unfair advantage to their children tomorrow. … If we are concerned about equality of opportunity tomorrow, we need to be concerned about inequality of outcome today.
Anthony Atkinson, Inequality. What Can Be Done? (2015), S. 11

Mit anderen Worten: beides, Vorteile und Chancen auf Vorteile sind aus einer Perspektive die mehrere Generationen in den Blick nimmt endogen, sie können also nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Die Vorteile einer Generation bedingen die Chancen auf Vorteile der nächsten Generation. Selbst bei gleichen Chancen zu einem Zeitpunkt haben wir bei ausgeprägter Ungleichheit spätestens in der nächsten Generation wieder ungleiche Chancen.

Wenn Elli und Frida gleiche Chancen auf unterschiedliche Lebenseinkommen haben, es im Laufe ihres Lebens jedoch zu den (primär unproblematisch erscheindenden) unterschiedlichen materiellen Verhältnissen kommt, so haben Ellis und Fridas Kinder diese gleichen Chancen nicht mehr. Denn die Vorteile, die Elli gegenüber Frida hat, übertragen sich im Familienalltag durch unterschiedliche Zugänge zu Wohnraum, Kitas, Schulen und dem weiteren Bildungsverlauf, zu Gesundheitsversorgung, Urlaub, Auslandserfahrungen, Kultur usw. usw. auch auf ihre Kinder.

Somit muss aus Sicht von Atkinson eine Politik der Chancengerechtigkeit auch die Verteilungspolitik im engeren Sinne mit einbeziehen. Wäre letztere erfolgreich, wäre Aufstieg immer noch wichtig – aber die Zahl der Sprossen auf der Aufstiegsleiter oder deren Abstand wäre geringer und somit wäre die Bedeutung, welche die materiellen Vorteile für die Chancen auf materielle Vorteile hätten, ebenfalls geringer. Chancengleichheitspolitik kann sich also nur im Verbund mit Umverteilungspolitik am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ungleicher Chancen ziehen. Umverteilungspolitik und Chancengleichheitspolitik sind komplementär, sie gehören sinnvollerweise zusammen.

Das positionale Argument für Chancengleichheit durch Umverteilung

Doch es gibt noch einen weiteren, fundamentaleren Grund, warum es problematisch ist, den Blick auf eine „umverteilungsfreie Chancengleichheitspolitik“ zu verengen. Diesen formuliert ausgerechnet John Goldthorpe – ein Soziologe, der ähnlich wie sein Kollege aus Oxford, Tony Atkinson, nicht gerade als ein „altbackener Linker“ betrachtet werden kann. Dies allein schon weil ein zentraler Beitrag Goldthorpes in der Soziologie eine Klassenanalyse ist, welche die marxistische Zweiteilung in Arbeit und Kapital zugunsten eines Klassenschemas mit sieben, manchmal auch noch feiner aufgegliederten, vom beruflichen Status abhängigen Klassen aufgibt.

In seinem Beitrag im Observer diskutiert Goldthorpe zunächst die massive Bildungsexpansion in Großbritannien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese sei mit einem goldenen Zeitalter der sozialen Mobilität einhergegangen, in dem sozialer Aufstieg für viele möglich gewesen sei. Grund für den Erfolg sei vor allem der strukturelle Wandel in den Berufsgruppenprofilen gewesen, bei dem „mehr Raum an der Spitze“ der Berufsgruppenhierarchie entstanden sei. Aufstieg wurde also möglich, weil mehr gut bezahlte Jobs entstanden, nicht weil die gleichen gut bezahlten Jobs nun von mehr Aufsteigern besetzt wurden.

Allerdings hätten diese vorübergehenden Aufstiegsmöglichkeiten durch strukturellen Wandel im goldenen Zeitalter der Mobilität eine Schattenseite: Aus rein mathematischen Gründen habe sich nun das relative Verhältnis derjenigen, die noch aufsteigen könnten zu denen, die nun eher absteigen könnten, zugunsten von Abstiegsperspektiven gewandelt. Somit liege auch der tiefere Grund für die schlechte Lage bei der sozialen Mobilität heute nicht in den gewachsenen Beharrungskräften („stickiness“) zwischen Klassen – diese Beharrungskräfte seien erstaunlich stabil geblieben – , sondern im strukturellen Wandel der Klassen selbst.

Und hier kommt Goldthorpe auf die Rolle von Bildung zu sprechen. Man kann Bildung als „gesellschaftliches Investitionsgut“ betrachten, mit dem oben erwähnter Strukturwandel befördert wird. Goldthorpe zufolge erfüllt Bildung jedoch aus einer individuellen Perspektive eine ganz andere Funktion: sie ist nicht bloß individuelles „Konsumgut“, durch das Menschen lernen und sich entwickeln, sondern sie fungiert auch als „Investition“ in individuelle Arbeitsmarktchancen. Und in dieser Funktion ist Bildung ein „positionales Gut“, also ein Gut, dessen Nutzen von der Verfügbarkeit für andere abhängt. Aus einer solchen Sicht hätte ein Abitur aus der Zeit vor der Bildungsexpansion einen viel größeren Wert als eines von heute, selbst wenn man unterstellen würde, dass die gelernten Inhalte und Fähigkeiten identisch wären. Denn wenn die Zahl der Jobs, für die vormals ein Abitur als Qualifikation verlangt wurde, nicht so schnell ansteigt wie die Zahl der Abiturient*innen, dann werden eben zusätzlich andere Auswahlkriterien bei der Jobvergabe angelegt.

Aber Goldthorpes Gedanke geht weiter: eine Politik, die auf Bildung als zentrales Mittel für gesellschaftlichen Aufstieg abziele, ignoriere eine banale mathematische Notwendigkeit: abgesehen vom oben erwähnten strukturellen Wandel, der für Aufstieg weniger bedeutend gewordenen zu sein scheint, gelte vor allem dies: mehr Aufwärtsmobilität zwischen den Klassen gehe logisch einher mit einer um das selbe Maß erhöhten Abwärtsmobilität. Deswegen ist Hans-Werner Sinns Plädoyer, dass zur Bekämpfung der Ungleichheit mehr Tellerwäscher Millionäre werden sollten, auch so zynisch. Denn bei begrenzt möglichem strukturellem Wandel heißt das, dass Mobilität zwischen Klassen nur erreicht werden könnte, wenn auch mehr Millionäre absteigen und irgendwer in die Fußstapfen der Tellerwäscher steigt.

Die psychologische Asymmetrie von Aufstiegsmotivation und Verlustaversion

Und hier macht Goldthorpe einen wichtigen Punkt: denn er betont, dass dieser mathematischen Symmetrie eine „psychologische Asymmetrie“ entgegenstehe. Die Verlustaversion sei größer als die ihr gegenüberstehende Aufstiegsmotivation. Man könne davon ausgehen, dass diejenigen, die sich durch die Mobilität anderer in ihren privilegierten Positionen bedroht sähen, große Ressourcen einsetzen würden und könnten, um ihre Privilegien zu verteidigen:

But, as against this mathematical symmetry, there is a psychological asymmetry. There are grounds for believing, consistent with the psychological theory of loss aversion, that parents and their children are yet more concerned to avoid downward mobility than they are to achieve upward mobility. Thus parents in more advantaged class positions will respond to any expansion or reform of the educational system by using superior resources – economic, cultural and social – to help their children retain a competitive edge in the system and in turn in the labour market. It is this coming together of the strong motivation to avoid déclassement and the usually adequate means for doing so that is the source of the powerful resistance to change.
John Goldthorpe, The Observer 13.2.2016

Goldthorpe schließt daraus, dass die Möglichkeiten von Bildungspolitik allein zur Erhöhung der Mobilität zwischen Klassen begrenzt seien. Und deswegen müsse, ganz ähnlich wie Atkinson es fordert, die tiefere Ursache der Ungleichheit von Mobilitätschancen bekämpft werden – die Ungleichheit von Ressourcen verschiedenster Dimensionen:

The basic source of inequality of educational opportunity lies in the inequality of condition – the inequality in resources of various kinds – that exists among families from different class backgrounds. And it is this inequality of condition that will have to be addressed.
John Goldthorpe, The Observer 13.2.2016

Und wenn weniger die Durchlässigkeit zwischen Klassen, sondern die gesamte Klassenstruktur das Ziel von „Mobilitätspolitik“ sein solle, dann müsse darüber hinaus in soziale und ökonomische Entwicklung investiert werden, um „top-end“ Jobs zu schaffen. Sinnvoll seien Investitionen in eine moderne und ökologische Infrastruktur, der Ausbau und die Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen und mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung. Wie übrigens könnte man diese am besten finanzieren? Mit einer besonderen Beteiligung der stärksten Schultern, Umverteilung also.

Zusammenfassung

Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit sind zunächst hohle Konzepte, wenn nicht näher spezifiziert wird, in welcher Hinsicht Chancen gleich sein sollen. In Deutschland wird zunehmend anerkannt, dass nicht nur Diskriminierung aufgrund bestimmter sozialer Merkmale, sondern auch die sich aufsummierenden kleinen Unterschiede in den Chancen über den Lebensverlauf zu einem fundamentalen Problem für die Gleichheit von Chancen geworden sind. Mittlerweile ist vielen klar, dass trotz einzelner Aufstiegserfolge für die meisten Menschen gilt, dass sie in der gesellschaftlichen Klasse verharren, in die sie geboren wurden.

Es ist erfreulich, dass in der politischen Debatte zunehmend die Notwendigkeit von Maßnahmen für eine „echte“ und nicht nur formale Chancengleichheit anerkannt wird. Doch dabei ist es problematisch, dass sinnvolle Politikmaßnahmen hier immer noch in Konkurrenz zu einer umverteilenden Politik diskutiert werden, die gezielt den Abstand zwischen den Einkommen – sowohl bei den Löhnen, als auch bei den verfügbaren Haushaltseinkommen oder indirekt über gute, progressiv finanzierte öffentliche Dienstleistungen – in den Blick nimmt.

Zum einen, so Tony Atkinson, seien bei einer Betrachtung über die Generationen die Ressourcenvorteile der einen Generation die Chancenvorteile auf Ressourcenvorteile der nächsten Generation. Deswegen sei eine Reduzierung der Ungleichheit so elementar auch für eine Politik, der gleiche Chancen auf – geringer ausgeprägte – Vorteile wichtig sind.

Und zum anderen, so John Goldthorpe, dürfe man bezüglich sozialer Mobilität zweierlei nicht vergessen. Erstens bedeute eine höhere Durchlässigkeit zwischen Klassen neben gestiegener Aufwärtsmobilität auch gestiegene Abwärtsmobilität im gleichen Maße. Und zweitens habe Bildung eine wichtige positionale Dimension, weil es als Investition in Arbeitsmarktchancen fungiere. Deswegen müsse man mit Widerständen von Helikopter-Eltern rechnen, die den Abstieg ihres eigenen Sprosses mit allen Mitteln zu verhindern suchten, wenn andere in umkämpfte Positionen drängten. Auch deswegen müsse Chancengleichheitspolitik die Ungleichheit in der Verteilung mit angehen, um den Druck aus dem Kessel der Klassengesellschaft zu nehmen.

Am Ende wäre mit einer Politik der Chancengerechtigkeit auch durch Umverteilung allen gedient. Denjenigen, aus deren sozialen Lagen der Aufstieg endlich leichter* fiele. Und denjenigen, deren Privilegien dank geringerer Fallhöhe auch ohne Abstiegsängste genießbar würden.

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* leichter wohlgemerkt, nicht genauso leicht, denn natürlich kann Umverteilung nur notwendige und nicht hinreichende Bedingung für Chancengleichheit sein. Viele andere Faktoren, wie die oben genannte Diskriminierung, die „feinen Unterschiede“ zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus und die unterschiedlichen Zugänge zu Informationen, Netzwerken, Bildung usw. bleiben natürlich Hindernisse zu einer kompletten Chancengleichheit. Aber das ändert nichts daran, dass Umverteilung, so das Argument dieses Artikels, eine wichtige notwendige Bedingung für Chancengleichheit ist.

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